Dengue-Fieber in Indien : Ein Bett, vier Patienten

In Indien herrscht die schlimmste Dengue-Epidemie seit fünf Jahren. Vor allem Arme und Kinder leiden darunter, weil die Krankenhäuser sie oft ablehnen.

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Die Krankenhäuser in Delhi sind überfüllt.
Die Krankenhäuser in Delhi sind überfüllt.Foto: imago

Er hätte gerettet werden können, wenn er rechtzeitig behandelt worden wäre. Stundenlang irrten seine Eltern Laxmichandra und Babita Rout von Hospital zu Hospital. Verzweifelt flehten sie das Personal an, ihren Sohn aufzunehmen. Doch fünf Krankenhäuser wiesen die Eltern und ihren Jungen ab, weil sie bereits überfüllt waren. Hilflos mussten die Eltern mitansehen, wie ihr sieben Jahre alter Sohn Avinash an Dengue starb. Nur Stunden später sprangen sie aus der vierten Etage in den Tod. Die Familientragödie schockte Delhi, änderte aber wenig. Nur wenige Tage später starb auch der sechsjährige Aman an der gefürchteten Virusinfektion. weil auch er nicht rechtzeitig eine Klinik fand. „Drei Hospitäler sagten, sie hätten kein freies Bett mehr. Ein Krankenhaus riet uns, eine besser ausgestattete Klinik zu suchen. Am Ende war es zu spät und er starb“, erzählte sein Vater Manoj Sharma Reportern.

Delhi wird von der schlimmsten Dengue-Epidemie seit 2010 heimgesucht. Bereits jetzt wurden in der Stadt fast 3800 Denguekranke und 17 Tote gezählt – das sind mehr als im Horrorjahr 2010, als die asiatische Tigermücke, die Dengue überträgt, die Stadt in Indien regelrecht belagerten. „Mördermücken-Metropole“, nennt die Zeitung „Mail Today“ Indiens 16 Millionen Einwohner zählende Stadt. Viele staatliche Krankenhäuser sind so voll, dass sich zwei bis vier Patienten ein Bett teilen müssen. Selbst Menschen, die gut verdienen, haben Mühe, noch einen freien Platz zu finden. Auch in den ausländischen Botschaften macht sich laut „Indian Express“ leichte Panik breit. Mindestens 20 Diplomaten oder ihre Familienangehörige seien erkrankt.

Betroffen seien auch Staatsbürger von Deutschland, den USA, Großbritannien, Italien, Australien und Kanada, heißt es. „Dies ist einer der schlimmsten Dengue-Ausbrüche, der die diplomatische Gemeinde erfasst hat“, zitiert die Zeitung einen ungenannten westlichen Diplomaten. Am schlimmsten trifft es jedoch die Ärmsten der Armen. Sie irren im Notfall oft von Klinik zu Klinik. Offiziell müssen zwar auch Delhis teure Privatkliniken eine bestimmte Zahl von Betten für Sozialschwache reservieren. Doch in der Praxis werden Arme oft zurückgewiesen. „Es ist herzzerreißend. Wir sind blind geworden gegenüber dem Leid der Menschen“, kritisierte Delhis Regierungschef Arvind Kejriwal das Verhalten der Hospitäler.

55 Fieber-Kliniken

Die gemeldeten Zahlen deuten das Ausmaß jedoch nur an. Experten gehen davon aus, dass die wahre Zahl der Erkrankten ein Vielfaches – manche glauben: bis zu 100fach – höher liegt. Ärzte erhielten Urlaubssperre, andere wurden aus dem Urlaub zurückgerufen. Auch in den umliegenden Städten Gurgaon und Faridabad wütet die Krankheit. Ein Ende ist nicht in Sicht. Auch im Oktober und November treiben die gefürchteten Blutsauger weiter ihr Unwesen. Bei einem Krisentreffen beschloss Delhis Kabinett laut Medien, zusätzliche Betten für Staatskliniken zu ordern, um mit dem Ansturm der Patienten zurecht zu kommen. Außerdem wurden 55 „Fieber-Kliniken“ eingerichtet.

Vermutlich hätte sich die Epidemie zumindest teilweise eindämmen lassen, wenn die Behörden in großem Stil rechtzeitig gesprüht und Tümpel trockengelegt hätten. Doch das feuchte Wetter lässt die Mücken nun schnell vermehren. Den Gelbfieber- und Tigermücken genügen zur Eiablage kleinste Mengen stehenden Wassers, etwa in einer Vase oder einem Blumen-Untertopf. Dengue ist vielen Ländern Asiens, Afrikas und Südamerikas verbreitet. Und auch in Südeuropa tritt das Fieber inzwischen auf, denn die Tigermücke wandert zunehmend in Länder außerhalb der Tropen ein. Darauf macht das Centrum für Reisemedizin aufmerksam. Eine Impfung gibt es bislang nicht.

Laut WHO erkranken jedes Jahr weltweit etwa 100 Millionen Menschen daran. Etwa 20000 davon sterben an Komplikationen. Die allergrößte Mehrheit überlebt zwar die Infektion, aber sie ist alles andere als angenehm. Nicht ohne Grund wird Dengue auch Knochenbrecher-Fieber genannt. Selbst sechs Paracetamol kommen nicht gegen die Schmerzen an. In schweren Fällen kann sich der Genesungsprozess über Wochen und Monate hinziehen. Dengue war schon immer ein Problem in Delhi. Doch es scheint, als ob es in den vergangenen Jahre zugenommen hat.

Die Mückensaison scheint immer früher zu beginnen und länger zu dauern. Viele machen das schlechte Abwassersystem der Stadt und den Bauboom der vergangenen Jahre verantwortlich. Als Folge gibt es mehr Pfützen und Lachen, die den Plagegeistern als Brutstätten dienen. Andere spekulieren über einen Zusammenhang mit dem wachsenden Smog. Inzwischen hat Delhi bei wichtigen Schadstoffen bereits Peking abgehängt. Während der gelbe Giftnebel den Menschen das Atmen schwermacht, scheint er den Mücken regelrecht gut zu tun.

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