Welt : Der Anfang vom Lied

Viele Schüler laden sich jeden Tag neue Hits als Klingeltöne aufs Handy – noch bevor die CD erscheint

Joachim Huber

Der Schulweg als Leidensweg? Das war einmal, das war damals, als es noch keine Handys gab. Schüler haben Handys, Handys haben Klingeltöne. Und jedes Mobiltelefon in Schülerhand hat einen anderen Ton. Der will vorgespielt, verglichen, vielleicht sogar getauscht sein. Am besten gleich am Morgen auf dem Weg zur Schule. „Wir spielen uns gegenseitig die Klingeltöne vor und singen dazu den Text“, sagt Lea. Nicht irgendwelches Liedgut aus der „Mundorgel“-Ära, sondern die neuesten, die allerneuesten Songs von Pop, Rock oder Rapper Eminem. Professionelle Anbieter wie Jamba! halten stets die aktuellen Chart-Titel bereit. Und Jamba! liegt bei den Kids vorne, „wo sonst gibt es sieben Töne für 2,99 Euro“, fragt die Elfjährige. Andere Anbieter verlangen für einen einzigen Klingelton bis zu drei Euro. Die Klingelton-Industrie kann solche Preise nehmen, die Jugendlichen lassen ihre Kassen klingeln. Umgekehrt, sagt Lea, „bei Jamba! wird es das neue Lied der ,Preluders’ geben, noch bevor es auf CD erscheint.“ Da wird das Taschengeld gerne investiert, zumal der Klingelton es erlaubt, das Massenprodukt Handy zu seinem eigenen Mobiltelefon/Spielzeug/Accessoire zu machen. Der Klingelton schafft Individualität, er gefällt, er macht Spaß und gute Laune. In Leas Freundeskreis gibt es den einen Klingelton kaum ein zweites Mal. Wenn’s klingelt, klingelt’s immer anders.

Ganz fortschrittliche Kräfte nutzen die Handy-Technik auch zum Selberkomponieren. „Na ja, das muss ja sonst keinem gefallen“, sagt Lea. Was allen gefällt, ist die Möglichkeit, über die Infrarot-Funktion Klingeltöne zu überspielen, ohne dass Kosten anfallen. Dafür ist der Weg von der Schule nach Hause bestens geeignet, in der Hofpause gab es die entsprechenden Hörproben. Probleme mit der Technik kennen die Kids nicht.

Was schon nerven kann, das ist der kalte, elektronisch erzeugte Ton. Polyphone Klingeltöne, die deutlich besser klingen, funktionieren nicht auf allen Handys, Besitzer älterer Geräte können nur staunend zuhören. Der beste Klingelton verlangt nach dem neuesten Handy, in nicht wenigen Familien wandern deswegen die Geräte die Generationenleiter hinauf: Kind = supermodern, Mutter = modern, Vater = gerade noch modern. Und schon ist das Nonplusultra versprochen, ein Handy, über dessen Display und Lautsprecher ein Video-Clip angespielt wird. Vom Klingelton zum klingenden Display, ist das nichts?

Nun existieren in dieser Welt zig Mal so viele Klingeltöne wie Handys. Und nicht jeder Klingelton gefällt. Im Gegenteil. Eltern hören anders, mancher Elternteil nutzt den Klingelton des Herstellers, weil er gar nicht in der Lage ist, einen anderen, kinderfreundlichen Ton einzustellen. Da soll es schon vorgekommen sein, dass der Nachwuchs sich ans fremde Handy heranmacht. Und, hastenichgesehen, klingelt das Handy und spielt eine nie gehörte, nie gekannte Melodie. Das Ende vom Lied? Abgenommen wird nicht.

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