Welt : Der Angriff der Tropenfische

Durch den Suez-Kanal gelangen immer mehr Fische ins Mittelmeer und stören dort das ökologische Gleichgewicht

Thomas Migge[Rom]

Gian Paolo Rabito staunte. Der leidenschaftliche Hobbytaucher und Grafiker aus Rom macht dieses Jahr Urlaub auf der Ferieninsel Sardinien. Von seinem Boot aus taucht er ins Wasser. Ohne Sauerstoffflaschen und nur mit der eigenen Atemluft augerüstet erkundet er die Unterwasserfauna und -flora. Bei seinem letzten Tauchgang Donnerstag Nachmittag traf er einen Barrakuda, einen Pfeilhecht. Das Tier hatte, sagt Rabito, „eine Länge von mindestens eineinhalb Metern und machte mir wirklich Angst“. Mit seinem auffallend langen Kopf, der zugespitzten Schnauze und dem vorstehenden Unterkiefer mit recht großen Zähnen gehört dieser Fisch sicherlich nicht zu den schönsten Tieren, die man, so der Taucher, „in italienischen Gewässern zu sehen bekommt“.

Rabito wie auch andere Freizeittaucher bekommen immer öfter Tiere zu sehen, die im Mittelmeer eigentlich nichts zu suchen haben. „Südlich von Sardinien“, berichtet Rabito, „sah ich sogar Kugelfische, Meerbarbenarten, wie sie eigentlich nur im Roten Meer leben, und auch Papageienfische, die nun wirklich nicht in unser Mittelmeer, sondern in Aquarien gehören“.

Der Bericht des römischen Tauchers ist kein Einzelfall. „Bei uns rufen gerade in diesem Sommer immer mehr Taucher an“, berichtet Franco Andaloro, „und melden uns ungewöhnliche Entdeckungen”. Andaloro ist Biologe am Nationalen Meeresforschungszentrum Icram in Rom. Seit Mai dieses Jahres ist er immer wieder selbst als Taucher unterwegs. Für das Icram erstellt er zusammen mit verschiedenen Kollegen aus ganz Italien den ersten nationalen Bericht zum Thema „Tropische Fische im Mittelmeer“. Der Bericht sollte eigentlich erst im Frühjahr 2004 erscheinen, doch „die Situation ist so dramatisch geworden“, erklärt er, „dass wir uns schon jetzt gezwungen sehen, die Öffentlichkeit über die neuesten Entwicklungen zu informieren“.

Besorgniserregende Entwicklungen, da sind sich alle Fachleute einig, die das ökologische Gleichgewicht des Mittelmeeres durcheinander bringen. „Eines Meeres”, so Franco Andaloro, „dessen Bewohner schon mit zwei anderen Problemen, der Überfischung und der Verschmutzung, fertig werden müssen“.

Das neue Problem heißt „tropicalizzazione“, die Erwärmung der Wassers auf tropische Temperaturen. „Das Mittelmeer war noch nie so warm wie in diesem Jahr“, weiß der Meeresbiologe Angelo Mojetta. „Fast überall ermittelten wir Werte um 32 Grad“, berichtete er, „und das sind mindestens fünf Grad zuviel“. Diese Erwärmung, die ein Phänomen ist, das Wissenschaftler schon seit Jahren beobachten, hat in diesem Jahr, so Mojetta, „den entscheidenden Kick bekommen, denn seit rund vier Monaten ist es in Südeuropa so warm wie schon lange nicht mehr“. Das freut Badeurlauber, macht den Biologen aber große Probleme.

Durch die Meerenge von Gibraltar kommen immer mehr Tierarten aus dem Atlantik ins Mittelmeer. Der Suez-Kanal bietet Fischen aus dem Roten Meer einen bequemen Weg in die Gewässer vor Israel. „Von dort aus breiten sich die Tiere aus“, erklärt Mojetta, „denn auch das mittlere und nördliche Mittelmeer wird immer wärmer, wie in diesem Sommer, dann kommen diese tropischen Fische auch bis vor die Küsten Sardiniens und der italienischen Riviera“. Dem Meeresforschungsinstitut Icram zufolge wurden in den italienischen Gewässern 59 Fischarten gezählt, die aus dem Roten Meer stammen. 39 sind von den afrikanischen Küsten des Atlantiks über Gibraltar ins Mittelmeer eingewandert. „Das sind alles Tiere“, weiß Biologe Mojetta, „die sich perfekt den klimatischen Bedingungen anpassen und wesentlich kräftiger sind als die heimischen und durch Umweltverschmutzung geschwächten Tiere“. Das führe zu einem Verdrängungskampf, bei dem die heimischen Arten den Kürzeren ziehen.

Ein Beispiel: Die heimischen Muscheln in der immer wärmeren Adria sind fast vollständig durch philippinische Muscheln verdrängt worden. Der heimische Gelbstriem leidet unter dem wesentlich aggressiveren Siganus Luridus aus dem Roten Meer.

Die Situation wird als „generell besorgniserregend“ eingestuft. Die Experten befürchten, dass die Erwärmung des Mittelmeers zu einer immer gravierenderen Veränderung des biologischen Gleichgewichts führen wird. Mit immer neuen Tieren, die die heimischen Fische verdrängen. Mit Fischen, die für Fischesser in Restaurants gefährlich werden könnten. Wie im Fall des Kugelfisches. Der sieht zwar lustig aus, aber wehe, wenn er nicht richtig zubereitet wird, dann kann sein Körpergift einem Menschen kräftig zusetzen – mitunter sogar töten.

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