Welt : Der Bahnhof Zoo frisst seine Kinder

25 Jahre nach Christiane F.: ein Tag bei denen, die nie reisen

Jan-Martin Wiarda

Wenn es Abend wird am Bahnhof Zoo, wenn drinnen das Feierabendgeschiebe seinen Höhepunkt erreicht, geht Kevin nach draußen. Dann stellt er sich an die Jebensstraße, die Straße an der Rückseite des Bahnhofs, wo die Jungen herumlungern und darauf warten, dass einer der Männer sie herwinkt. Wenn Kevin Glück hat, erwischt er einen, der sich nur ein bisschen schlagen lassen will. Das macht Kevin ganz gern. Anfang 20 ist er inzwischen, auch wenn man ihm das nicht ansieht. Sieben davon ist er schon Stricher am Berliner Bahnhof Zoo. Er hat kurze blonde Haare, ein schmales Gesicht und blaue Augen, bei denen man nicht weiß, ob sie einen schüchtern anschauen oder müde oder spöttisch. Kevin hat nie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gelesen. Brauchte er nicht, er kennt es auch so.

25 Jahre ist es her, seit Christiane F.s Buch über ihr Leben zwischen Babystrich an der Kurfürstenstraße und Spritzen auf der Bahnhofstoilette das ganze Land schockierte. Ein Buch, in dem der Bahnhof Zoo zum Hauptdarsteller wurde. „Es war ein ungeheuer mieser Bahnhof“, beschrieb Christiane F. ihren ersten Eindruck. „Da lagen Penner in ihrer Kotze, überall hingen Besoffene rum. Was wusste ich, dass ich in ein paar Monaten hier jeden Nachmittag verbringen würde.“

Genau 120 Jahre alt ist dieser Bahnhof, und sein Ruf hat sich seit 1884 nicht wesentlich geändert. Er war der verruchte Bahnhof des wilden Neuen Westens, damals als die Stadt sich um die Wende zum 20. Jahrhundert rasant nach allen Seiten ausdehnte. Er war der schmuddelige Bahnhof West-Berlins. Das Musical „Linie 1“, das seit 18 Jahren im Grips-Theater läuft, beginnt hier und erzählt von Junkies, Pennern und Aussteigern. Viel Geschichte und Geschichten, und nun bleibt nur eine letzte Gnadenfrist, bis der neue Berliner Hauptbahnhof – der Lehrter Bahnhof – fertig und der Bahnhof Zoo nicht mehr so wichtig sein wird.

Eine unendliche Mission

Das ist die Zukunft, doch die ist nicht so wichtig am Bahnhof Zoo. Die Vergangenheit auch nicht. Was zählt, ist die Gegenwart, und in der hat Kevin, der nicht wirklich Kevin heißt, ein Problem. Es ist Freitagnachmittag, kurz vor fünf – doch eigentlich beginnt der Tag erst jetzt. Ein Mann mit langem Mantel und Pilotenkoffer hastet hinauf zu den Gleisen, zwei Wehrdienstleistende trotten Richtung Bushaltestelle, und die Frau mit dem Kinderwagen quetscht sich schnell noch in den Lift, bevor sich die Tür schließt. Mitten im Gedränge verharrt Kevin und denkt nach. Neben ihm sein Kumpel Ralfi, mit gesenktem Kopf, zitternd. Er muss was haben, jetzt. Keine Zeit mehr, sich einen Freier zu suchen. Kevin nickt und setzt sich in Bewegung. Er geht jetzt was klauen für seinen Kumpel, Parfüm oder so, drüben bei Wertheim. Das lässt sich schnell verkloppen, und dann gehen sie rüber zu den Libanesen am Breitscheidplatz. Die haben, was sie brauchen. Schon Christiane F. und ihre Clique haben gern bei Wertheim geklaut, vor allem Handtaschen von älteren Damen auf dem Klo. „In einer Stunde sind wir wieder da, dann reden wir weiter“, sagt Kevin noch, bevor er und Ralfi im Gewühl verschwinden. Aber sie werden nicht wieder auftauchen.

„Der Zustand des Bahnhofs hat sich sehr verbessert“, sagt man bei der Deutschen Bahn. Zahlen, die dies belegen, sind aber nicht zugänglich. Der Zustand insgesamt hat sich nicht verbessert: Die Zahl der Abhängigen von harten Drogen in Deutschland ist etwa gleich geblieben seit 25 Jahren.

In der Bahnhofsmission drängeln sich inzwischen Männer mit Plastiktüten und alten Wintermänteln. Dazwischen ein paar Frauen, aber sie fallen kaum auf. Kurz vor halb sechs, die Heizungsluft mischt sich mit dem Geruch ungewaschener Körper und Alkoholatem. Ursula Hartlöhner steht hinter einem Tisch und verteilt belegte Brote, Brötchen, Obst. Sie ist 77 Jahre alt und hat einen grauen Dutt. Früher besaß sie ein paar Lederwarengeschäfte in Wedding. Eigentlich hatte sie vor neun Jahren, nach dem Tod ihres Mannes, nur vorbeischauen wollen, um eine Kleiderspende abzugeben, doch die Bahnhofsmission hat sie nicht mehr losgelassen. „Hast du warme Unterhosen?“, fragt sie einen Mann mit dreckverkrustetem Gesicht und Bart. Der winkt ab und streckt stattdessen seine Thermosflasche zum Auffüllen hin. „Will ich nicht“, sagt er. „Mein Schlafsack ist so warm, da ziehe ich mich schon jetzt bis auf die Unterwäsche aus.“ In der Nacht wird die Temperatur auf minus zehn Grad sinken. „Für die ist das nichts Besonderes“, sagt Ursula Hartlöhner mit einem Achselzucken. Viermal am Tag ist Essensausgabe bei der Bahnhofsmission. 600 Menschen essen hier am Tag.

Fest in der Hand der Jungen

Halb sieben. Nicole Ziese und Benno Schlünder – beide Ende 30, also im Alter von Christiane F. – haben sich an eine Säule in der Haupthalle gelehnt und beobachten die Anzeigetafel. In ein paar Minuten geht ihr Zug nach Köln. Sie kennen das Buch von Christiane F. „In unserer Generation kennt das jeder“, sagt Nicole Ziese. Doch ihnen kommt der Bahnhof Zoo nicht so schlimm vor. „Im Kölner Hauptbahnhof geht es mehr zur Sache“, sagt Schlünder, während zehn Meter weiter ein älterer Herr mit Pudelmütze den Teenager mit der Raverfrisur und den breiten Hosen anspricht, der schon seit geraumer Zeit in der Halle auf- und abgeht. Vor 25 Jahren hat sich Christiane F. einmal mit ihrer Freundin Stella gestritten, wer weiter unten gelandet sei: die Strichmädchen am Bahnhof Zoo oder an der Kurfürstenstraße. Heute ist der Bahnhof Zoo fest in der Hand der Jungen; den Mädchen bleibt die Kurfürstenstraße.

Kurz darauf sind alle verschwunden: der ältere Herr, der Raver, die Kölner. Die Zahl der Kofferträger nimmt ab, die Zahl der Plastiktütenträger zu. Jetzt sind auch die Letzten aufgewacht; jene, die den Bahnhof in der Nacht bevölkern und sich am frühen Morgen einen Schlafplatz suchen. Sie stehen in Grüppchen in der Nähe der Eingänge, da ist es warm von den Luftschleusen, und außerdem ist man schnell draußen, falls der Bundesgrenz- oder der Wachschutz der Bahn Ärger machen.

Der Große mit den grünen Haaren und dem sehnsüchtigen Blick heißt Levco. Unterm Arm hat er ein Comic-Heft, und irgendwann fängt er an, von seiner Frau zu erzählen, die vor vier Jahren mit ihrem gemeinsamen Sohn davongelaufen ist. Das hat ihn aus der Bahn geworfen. Wenn ihm jemand drei Wünsche anböte, würde er auf zwei verzichten, sagt Levco. Er hat nur noch einen: „Einen richtigen Freund, der mir immer zuhört, wenn ich ihn brauche.“ Immerhin, Levco schmiedet wieder Pläne. Bald bekommt der 34-Jährige vom Sozialamt seine Wohnung zugewiesen.

Ein Uhr morgens. Levco ist immer noch da. Sein Kumpel Danny schüttelt ihm die Hand und schwankt ein wenig. Seit einer Weile aber hat er eine Wohnung. Trotzdem komme er oft vorbei, sagt er, fast verwundert.

Dass die Fernzüge bald nur noch am Lehrter Bahnhof halten werden, sei im Grunde doch egal, sagt eine Frau vom Wachdienst. „Die, die sich hier wohl fühlen, kommen ja nicht, um zu verreisen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben