Welt : Der Berg gab seinen Toten frei

ANDREAS CONRAD

Schon möglich, daß eine moderne Fleece-Weste den Briten George Mallory oben auf dem Mt.Everest gerettet hätte.So eine schicke zu 34,95 $ wie auf den Internet-Seiten von Mountainzone, einer Info-Firma für Klettermaxe, die gestern mit einer wirklichen Bergsensation aufwartete.Eingerahmt von den Werbeofferten diverser Sponsoren wurde da das Auffinden Mallorys auf dem Dach der Welt gemeldet, 75 Jahre, nachdem er und sein Berggefährte Andrew Irvine dort verschollen waren.Und eine weitere, noch größere Sensation wurde gleich spekulativ nachgeschoben: Vielleicht waren nicht 1954 Edmund Hillary und der Sherpa Tenzing Norgay die ersten auf dem höchsten Berg der Welt, sondern Mallory und Irvine.

Alpinistischen Laien wird der Name Mallory nicht viel sagen, Bergfexe müssen die Online-Schlagzeilen aber elektrisieren.Das Auffinden von Mallorys Leiche dürfte ihnen ähnlich viel bedeuten wie Luftfahrtfreunden die Entdeckung der Trümmer von Saint-Exupérys Flugzeug im Mittelmeer - unlängst unter Trompetenstößen gemeldet und rasch wieder in Frage gestellt - oder den Resten der Maschine der 1935 im Südpazifik vermißten Weltumrunderin Amelia Earheart.Immerhin fand sich diesmal im Futter der Tweed-Kleidung des Toten einen Namensschild: Hier, gut 270 Meter unterhalb des 8848 Meter hohen Gipfels, lag George Mallory.

Die Expedition hatte gezielt nach den Toten gesucht, konnte dabei auf alte Berichte und die Ergebnisse früherer Suchaktionen zurückgreifen.Alte Ausrüstungsgegenstände wurden nicht entdeckt, auch von Irvine gibt es keine Spur.Man will jetzt weiterforschen, hofft vor allem auf die Kamera der beiden gescheiterten Bergsteiger, einer Kodak Vestpocket.Der eventuell belichtete Film könne noch brauchbare Bilder liefern, bestätigen Fotoexperten.Sollten Mallory und Irvine erst auf dem Rückweg gestorben sein, so könnte die kleine Kamera ihnen postumen Ruhm als erste Everest-Bezwinger einbringen.

Die gescheiterte Erstbesteigung von 1924 war für den Briten Mallory bereits der dritte Versuch.1921 war er mit zwei anderen Briten und zehn Sherpas zum ersten Mal gegen das Massiv angerannt, noch in Unkenntnis, wo nun eigentlich der Gipfel liege.Der Mt.Everest, das war auf damaligen Karten weitgehend eine weiße Fläche.Der erste Versuch endete denn auch in einer Sackgasse.

Ein Jahr später war Mallory wieder da, wählte mit seinen beiden neuen Gefährten eine andere, wiederum von Norden auf den Berg führende Route.Als erste Menschen überschritten die drei die 8000-Meter-Grenze - ohne zusätzlichen Sauerstoff.Durch eine Lawine fanden bei der Expedition sieben Träger den Tod.

1924 kehrte Mallory erneut zurück.Nachdem bereits zwei Träger gestorben und zwei andere Teilnehmer ihren Versuch abbrechen mußten, stiegen Mallory und Irvine am 8.Juni 1924 auf.Vom Basislager wurden sie noch einmal gesichtet, danach verlor sich die Spur.Erst 1933 konnte sie wieder aufgenommen werden.Eine Expedition stieß auf eine Axt mit dem Namen Irvines.Mitte der 70er Jahre, bei einer chinesisch-japanischen Expedition, berichtete ein Chinese, er habe einen toten Engländer entdeckt.Zwei Tage später kam er aber selbst durch eine Lawine ums Leben.

Immerhin konnte die aktuelle Expedition so auf einigen Fakten aufbauen, fand die Leiche Mallorys dann auch erstaunlich rasch, begünstigt durch einen Sturm, der die eisigen Höhen freigeblasen hatte.Wie mit der Familie des toten Bergsteigers verabredet, wurde Mallory oben auf dem Berg in einer kleinen, nicht ganz ungefährlichen Zeremonie begraben, die der Teilnehmer Dave Hahn beschrieb: "Du machst einen Schritt, und du denkst nicht mehr an George Mallorys Leben, du machst dir Sorgen um dein eigenes Leben, weil du abstürzen könntest."

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