Welt : Der beste Schutz: Impfen

Wie Gebärmutterhalskrebs verhindert werden kann

Adelheid Müller-Lissner

Stell dir vor, eine neue Impfung wird eingeführt, und alle gehen hin. Keine ganz unrealistische Vorstellung: In einigen US- Bundesstaaten ist die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs für alle Mädchen, die in die sechste Klasse kommen, schon Pflicht, in England sollen die 12- bis 13-jährigen Teenager, so plant es der Staat, ab dem kommenden Schuljahr mit einer Reihenimpfung direkt in der Schule geimpft werden. In Deutschland gibt es eine solche staatliche Aktion nicht, doch im Frühjahr dieses Jahres hat die beim Robert-Koch-Institut in Berlin angesiedelte Ständige Impfkommission (Stiko) diese Impfung für Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren empfohlen. Eine solche offizielle Empfehlung ist wichtig, denn sie hat nicht nur hohen medialen Aufmerksamkeitswert, sondern sie bedeutet seit Inkrafttreten des Gesundheitsreformgesetzes auch, dass die Krankenkassen die Kosten übernehmen müssen. Mit seinem Beschluss hat der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen (G-BA) dafür im Juni grünes Licht gegeben. Einige Krankenkassen bezahlen die Immunisierung zudem für Frauen zwischen 18 und 26 Jahren, einige Betriebskrankenkassen auch für Jungen zwischen 12 und 15 Jahren. Kein kleiner Posten, denn zusammen mit den Arztkosten fallen für drei Spritzen in die Muskulatur des Oberarms, die im Abstand von einem halben Jahr verabreicht werden sollten, etwa 500 Euro an. Dass es in Deutschland kein obligatorisches staatliches Impfprogramm gibt, heißt also nicht, dass hier nichts getan würde. Davon zeugt auch die medienwirksame Werbekampagne mit Jette Joop im Fernsehen.

Was veranlasst unser Gesundheitssystem, so viel Geld in eine neue Vorbeugungsmaßnahme zu stecken? Der Impfstoff, der aus nicht infektiösen Partikeln des Erregers besteht, schützt gegen vier Typen von sogenannten Humanen Papillomviren oder HPV, wie es abgekürzt heißt. Insgesamt hat das Virus, das meist beim Geschlechtsverkehr übertragen wird, über 100 Varianten. Infektionen mit Typ 16 und 18, die mit dem Impfstoff erfasst werden, können zu Gebärmutterhalskrebs führen. Eine mit etwa 6500 Neuerkrankungen im Jahr relativ seltene Krebsart – selten ist aber auch die Chance, die sich in diesem Fall bietet: Krebs mit einer Impfung zu verhindern.

Eine HPV-Infektion ist dagegen keineswegs selten: 24 Monate nach dem ersten Sexualkontakt lässt sich bei über 30 Prozent der Frauen ein Erreger aus dieser Virenfamilie nachweisen. Begünstigt wird die Infektion durch die Pille und das Rauchen. Kondome bieten keinen absoluten Schutz, verringern das Übertragungsrisiko von HPV aber um mindestens 70 Prozent. Den sichersten Schutz bietet die Impfung – vor allem, wenn sie schon stattfindet, bevor eine junge Frau sich infizieren kann. Das hat die Stiko veranlasst, sie sicherheitshalber schon zu Beginn der Pubertät anzusetzen. Auch die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe stützen diese Empfehlung. Große Studien zeigen, dass die Impfung gut vertragen wird und gut wirkt – die Erfahrungen reichen aber noch nicht über fünf Jahre hinaus. Gut möglich deshalb, dass die teure Prozedur später noch einmal wiederholt werden muss.

Die Impfempfehlung bedeutet keineswegs, dass Humane Papillomviren zur übermächtigen Gefahr hochstilisiert werden sollten. In den weitaus meisten Fällen wird das Immunsystem selbst mit den Viren fertig, die Infektion klingt spontan wieder ab. Ein Jahr nach der Infektion lassen sich bei weniger als einem Drittel der Frauen noch Viren nachweisen. Dass HPV aber im schlimmsten Fall über den Verlauf von vielen Jahren Krebs am Gebärmutterhals auslösen kann, wurde in den 70er und 80er Jahren im Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg herausgefunden. „Die Krankheit bricht meist 15 bis 25 Jahre nach der Infektion aus“, erklärt Harald zur Hausen, der die dortige Arbeitsgruppe leitete.

Den Verdacht, dass es zwischen dieser Krebsform und sexuellen Kontakten einen Zusammenhang geben müsse, hatte ein italienischer Arzt schon im 19. Jahrhundert: Ihm war aufgefallen, dass Prostituierte häufig, Nonnen dagegen nie an Gebärmutterhalskrebs erkrankten. Mit den jüngst zugelassenen Impfstoffen sind längst noch nicht alle Probleme gelöst, zum Beispiel für die Frauen, die schon mit HPV in Kontakt gekommen sind. Die Früherkennung, bei der Zellproben auf Gebärmutterhalskrebs untersucht werden und die allen Frauen ab 20 Jahren jedes Jahr zusteht, bleibt deshalb weiter wichtig.

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