Welt : "Der dicke Idde": Wer sagt, dass ich ein Versager bin

Rolf Brockschmidt

Fons Idde hat es nicht leicht. Zum dritten Mal sitzt er in der fünften Klasse, zum dritten Mal stellt der autoritäre Lehrer Dekkers die gleichen Textaufgaben, deren Lösung Fons längst auswendig kann. Und so legt sich der Dreizehnjährige lieber eine Patience. Er wird natürlich erwischt und soll eine Strafarbeit schreiben. Wie dann dem gutmütigen Fons, den in dem kleinen Dorf alle nur den dicken Idde nennen, plötzlich der Kragen platzt und der verhasste Lehrer Dekker plötzlich am Kleiderhaken an der Wand hängt, das erzählt Henri van Daele gleich zu Beginn seines zweiten auf Deutsch erschienenen Romans "Der dicke Idde".

Van Daele siedelt den Roman im Flandern des Jahres 1950 an, als König Leopold III. durch eine von den Sozialisten initiierte Volksabstimmung abgesetzt wurde und der junge Baudouin den Thron bestieg. Die katholische Kirche galt noch etwas in den flämischen Dörfern jener Zeit, die Sozialisten waren Teufelskerle und die Kommunisten überhaupt nicht mehr zu retten. In diesem Kosmos aus Frömmigkeit, Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen, sozialen Gegensätzen und fest gefügten Weltbildern bewegt sich der "dicke Idde", der dahinter gekommen ist, dass nicht er der Versager ist, sondern der Lehrer. Der liberale Direktor erkennt das Problem und versetzt den Knaben in die achte Klasse zu einem Lehrer, den alle nur de Pijp nennen, weil er Pfeife raucht.

Hier wird praktischer gearbeitet, hier werden die Knaben auf für damalige Verhältnisse unorthodoxe Weise aufs Leben vorbereitet. Fons Idde bekommt zum ersten Mal das Gefühl, in der Schule als Mensch akzeptiert zu werden. Henri van Daele hat nach seinem Roman "Ti", der auf die Auswahlliste des deutschen Jugendliteraturpreises kam, wieder einen Außenseiter als Hauptperson gewählt. Fons Idde scheint der Dorfdepp zu sein, wie man ihn auch in anderen Romanen aus Flandern von Louis Paul Boon oder Hugo Claus findet. Van Daele zeigt Sympathie für seinen Helden, der sich unentschieden zwischen Kindheit und Erwachsenwerden bewegt. Mit Einfühlungsvermögen zeichnet der Autor die Verhältnisse in einem flämischen Dorf nach dem Zweiten Weltkrieg. Da ist die Großmutter Delle, bei der Fons aufwächst. Die Mutter ist gestorben und der Vater arbeitet in Wallonien, für Fons Idde das Traumziel schlechthin. Mit vierzehn Jahren in Wallonien Geld verdienen und ein Mädchen kennen lernen, das ist das Ziel. Dann gibt es den Großen Rie, den heimlichen Patriarchen des Dorfes, Holzschuhmacher und Gastwirt in einer Person. Er wird für Fons Idde zum Vaterersatz. Wie eng und miefig es in der Provinz zuging, zeigt der Streit um die Beerdigung des kommunistischen Bahnhofsvorstehers Guy van Bossche. Der Pfarrer verweigert die Messe in der Kirche, und die männliche Dorfbevölkerung tritt daraufhin jenseits aller Ideologien in den Kirchenstreik. Eingebettet in diese Genreszenen zeichnet Henri van Daele mit viel Anteilnahme Fons Iddes Entwicklung nach. Er findet endlich seinen Weg, entdeckt seine Stärken in der praktischen Arbeit. Und der Erfolg spornt ihn an. Van Daele zeigt, dass eine Pädagogik wie die von Pijp auch diejenigen Schüler motivieren kann, die nicht den gesellschaftlichen Normen entsprechen. Das alles erzählt Henri van Daele aus der Perspektive des dicken Idde mit Ironie und trockenem Humor. Und auch bei van Daele siegt am Ende wie schon bei den flämischen Meistern Louis Paul Boon und Hugo Claus das anarchische Element. Fons Idde geht seinen Weg.

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