Welt : Der Dom der Macht – entdeckt in Magdeburg

Niemand wusste, wo Otto der Große im 10. Jahrhundert seine große Kirche baute. Jetzt fanden Archäologen Überreste. Eine Sensation

Amory Burchard

Der Stimme des Magdeburger Archäologen Rainer Kuhn ist die Ehrfurcht vor dem Ort anzuhören, an dem er gerade steht. „Dies ist einer der wichtigsten Schauplätze des europäischen Frühmittelalters und das hier ist sein zentraler Bau, den wir hier gefunden haben.“ Kuhn und seine Kollegen vom Landesamt für Archäologie in Sachsen-Anhalt haben eine Grabkammer des Doms von Kaiser Otto dem Großen ausgegraben. Mit diesem sensationellen Fund im Süden der Grabungsstätte auf dem heutigen Magdeburger Domplatz schließt sich für Kuhn der Grundriss des legendären Kaiserdomes, nach dem Generationen von Archäologen gefahndet haben.

Mit dem Bau des Doms in seiner erklärten Lieblingsstadt feierte der damalige König von Sachsen, Franken und Italien einen historischen Wendepunkt in seinem Aufstieg zum Kaiser. „Ich baue einen Dom“, soll Otto der Große 955 auf dem Lechfeld bei Augsburg ausgerufen haben, nachdem seine Truppen die Ungarn besiegt hatten und er so die Macht in seinem Reich festigen konnte. „Er hat das Reich geeinigt und verteidigt“, sagt Archäologe Kuhn. Und vieles von dem, was heute europäische Geschichte genannt werde, sei in der Zeit des Dombaus von Magdeburg ausgegangen.

Die Ausmaße der Grabkammern, der Mauerreste und Fundamente, die jetzt in Magdeburg ausgegraben wurden, lassen auf den unermesslichen Machtanspruch des noch jungen Königs schließen. Etwa 80 Meter lang und bis zu 60 Meter hoch sei der Dom gewesen, schätzt Kuhn. Durch die letzten Funde nachgewiesen ist eine Breite von 43 Metern; danach wäre der Magdeburger Dom nach dem Kölner im 10. Jahrhundert das größte Gotteshaus nördlich der Alpen gewesen. Der herrschaftliche Anspruch sei auch in Details des Sakralbaus zu erkennen, sagt Kuhn. Er fand italienische Marmorböden sowie Reste von Glasmosaiken und glasierten Wandfliesen der wahrscheinlich um 1207 beim großen Stadtbrand zerstörten Großkirche.

„Jetzt muss das Geschichtsbild der Ottonenzeit in vielen Teilen umgeschrieben werden“, sagt die Historikerin Babette Ludowici, die die ersten Spuren des Doms gefunden hatte. „Bisher dachten die Historiker, dass an jener Stelle des Domplatzes Ottos Königspfalz stand.“ Die ottonische Kathedrale vermuteten sie hingegen unter dem heutigen Magdeburger Dom.

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