Der EHEC-Krimi : Fieberhafte Suche nach infizierten Gurken

Was für ein Krimi – eine Armada von Ermittlern und Experten fahndet nach dem Ort, wo sich der EHEC-Erreger auf die Gurke setzt.

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Wenn in Hamburg eine Palette Gemüse umfällt. Händler Jens Kupka mit seinen unverkäuflichen Gurken am Freitagmorgen auf dem Hamburger Großmarkt. Der Markt protestiert heftig gegen die Theorie, wonach Gurken auf den Boden gefallen seien.
Wenn in Hamburg eine Palette Gemüse umfällt. Händler Jens Kupka mit seinen unverkäuflichen Gurken am Freitagmorgen auf dem...Foto: dpa

Es ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Seit Tagen fahnden Experten nach der Herkunft des EHEC-Erregers. Es ist ein Krimi, eine fieberhafte Suche nach infizierten Gurken und nach den Wegen, die diese Gurken auf den Irrpfaden der Europäischen Union zurückgelegt haben. Es geht darum, den Kern der Infektion auszumachen, der in Deutschland bisher sechs Menschen das Leben gekostet hat. Der letzte Fall ist eine 77 Jahre alte Frau, die am Freitag in Bremen starb.

Eine Armada von Experten ist unterwegs, Ermittler in Deutschland und Spanien, Mediziner, Laborkräfte, Großmärkte, Händler, Landwirtschaftsverbände und Bauern. Sie alle versuchen, den Ort zu finden, wo sich der Erreger auf die Gurke setzt. Die Geschäftigkeit geht so weit, dass am Freitag ein Vorgang untersucht wurde, dem sonst nie jemand Beachtung geschenkt hätte. Es ging darum, dass auf dem Hamburger Großmarkt vor einiger Zeit offenbar eine Palette mit Gemüse umgefallen war. Einer der spanischen Landwirte, dem eine der infizierten Gurken zugeordnet werden konnte, hatte das behauptet. Die von ihm stammende beanstandete Gurke gehöre zu derjenigen Lieferung, die damals nachweislich auf dem Hamburger Großmarkt auf den Boden gefallen sei. Sie sei vielleicht dabei verunreinigt worden, hieß es bei Frunet Bio in Algarrobo in Málaga. Das ließ der Hamburger Großmarkt nicht auf sich sitzen. „Wir treiben hier keine Kuhherden durch die Hallen“, polterte Hans Joachim Conrad, Vorstandschef der Verwaltungsgenossenschaft des Hamburger Großmarktes. Er bezog sich dabei auf die Erkenntnis, dass die Erreger aus dem Darmtrakt von Rindern stammen.

Wie die Berliner mit EHEC umgehen
Wie reagieren die Berliner auf die Angst vor EHEC? Wir haben uns bei Restaurants, Imbissen, Verbrauchern und Händlern umgehört. "Wir haben durchaus umgestellt. Wir lassen bei den Gerichten jetzt die Deko-Salate weg, also das Salatblatt und die Gurke", sagt Ebrahim, Küchenchef im Café Stresemann. "Die Leute bestellen weniger, auch Obst lassen sie liegen." "Ich würde momentan auch keine Gurke essen", sagt Kellnerin Susann.Weitere Bilder anzeigen
1 von 17Foto: Sylvia Vogt
30.05.2011 15:33Wie reagieren die Berliner auf die Angst vor EHEC? Wir haben uns bei Restaurants, Imbissen, Verbrauchern und Händlern umgehört....

Auch der Vorsitzende des Bundesverbands der Lebensmittelkontrolleure in Köln, Martin Müller, hielt den Vorwurf für unwahrscheinlich. „So was kann passieren, aber da müsste ein ganzer Lkw und noch mehr auf den Boden gefallen sein“, sagte er angesichts der vielen Erkrankungen. „Ein, zwei Fälle – ok. Aber wie viele Gurken müssen da hingefallen sein?“

Der spanische Hersteller wies zudem darauf hin, dass die deutschen Proben zweieinhalb Wochen nach Auslieferung gemacht wurden, als die Gurken schon halb verschimmelt in einem Lager gestanden hätten. Tests in Spanien an den Gurken des betroffenen Landwirts hätten dagegen keine Verunreinigung ergeben.

Die Spanier sind richtig sauer auf Deutschland. Die Regierung in Madrid legte bei der Europäischen Union jetzt sogar eine Beschwerde gegen deutsche Berichte über einen Befall spanischer Gurken mit EHEC-Erregern ein. Deutschland habe in dieser Sache gegen die EU-Regeln verstoßen, sagte Staatssekretär Josep Puxeu. Die deutschen Behörden hätten zuerst die Presse unterrichtet und nicht wie vorgeschrieben die Instanzen der EU. Doch am Abend schlossen die spanischen Behörden nach Auskunft der EU-Kommission vorübergehend zwei Betriebe in Almeria und Malaga. Dort sollen mit EHEC befallene Gurken hergekommen sein. Boden-, Wasser- und Produktproben seien genommen worden.

„Dieses Ping-Pong führt nicht zur Klärung“, sagte der Sprecher des ökologischen Anbauverbands Bioland, Gerald Wehde. Er forderte von den Behörden eine schnellstmögliche Klärung der Herkunft des EHEC-Erregers. Für die Branche sei dies ein schwerer Schlag, für hoch spezialisierte Betriebe könne sogar die Gefahr einer Insolvenz bestehen. Ganz ausschließen könne man eine Verunreinigung, wie jetzt mit EHEC, wohl nie, meint er. „Auch mit doppelt so vielen Kontrolleuren würde ich das nicht verhindern können.“ Jeder müsse auf seiner Ebene dafür sorgen, dass er sauber arbeitet. „Wir leben nun mal in einer Welt, die nicht keimfrei ist.“

Bisher wurden vier infizierte Salatgurken ermittelt – drei stammen aus Spanien, eine vierte soll aus Holland stammen. Die Meldung von der holländischen Gurke ließen wiederum die Holländer nicht auf sich sitzen. Berichte über eine in Hamburg entdeckte infizierte Gurke aus Holland beruhten „vermutlich auf einem Missverständnis“, sagte Marian Bestelink, die Sprecherin der holländischen Behörde für Warenprüfung. „Sie gehen möglicherweise darauf zurück, dass einer der betroffenen Gemüsebauern in Spanien, von wo infizierte Gurken nach Deutschland geliefert wurden, Niederländer ist.

Die Frage ist, ob die Gurken vor der Ernte kontaminiert wurden, oder bei der Säuberung oder während des Vertriebs. Ein Sprecher der Hamburger Gesundheitsbehörde vermutete, das werde vermutlich „nie richtig“ geklärt werden können, auch weil es viele Zwischenstationen für die Ware gebe. „Die Vertriebswege sind verschachtelt und verzweigt“, sagte er.

Die Gefahr durch das lebensgefährliche EHEC-Bakterium ist noch längst nicht gebannt. „Der Ausbruch geht weiter. Von gestern auf heute sind etwa 60 neue HUS-Fälle, also schwere Verläufe dieser EHEC-Infektion, dazugekommen“, sagte der Direktor des Robert-Koch-Instituts (RKI), Reinhard Burger, im ARD-„Morgenmagazin“. Binnen einer Woche wurden rund 800 Fälle registriert. In Deutschland werden normalerweise im gesamten Jahr etwa 900 Infektionen gemeldet. „Wir müssen aufgrund der steigenden Zahlen immer noch von einem dynamischen Geschehen ausgehen“, hieß es am Morgen aus dem niedersächsischen Gesundheitsministerium. Die weitaus meisten Krankheitsfälle gibt es in Hamburg. Die Untersuchungen, ob eine Übereinstimmung der Bakterienstämme auf den Gurken mit denen der erkrankten Patienten vorliegt, wird noch Tage andauern. Das RKI und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hatten davon abgeraten, Tomaten, Salatgurken und Blattsalate insbesondere in Norddeutschland roh zu verzehren. Das ließen der Gartenbauverband Nord und der Bauernverband Hamburg nicht auf sich sitzen. Sie wollen wegen dieser Warnung das Robert-Koch-Institut und das Bundesverbraucherschutzministerium auf Schadensersatz verklagen.

Experten raten, Gemüse und Salat sorgfältig zu waschen und die Hände vorher gründlich zu reinigen. So viel darf man noch sagen. (mit dpa/AFP/dapd)

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