Der Fall Nils Jennrich : Ein Deutscher in chinesischer Haft

Nils Jennrich arbeitete als Kunstspediteur – er muss mit zwölf Gefangenen in der Zelle auf Beton schlafen. Der Fall soll beim deutsch-chinesischen Rechtsdialog am Wochenende in München zur Sprache kommen.

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Nils Jennrich
Nils JennrichFoto: dpa

Peking/München - Nils Jennrichs Mutter ist verzweifelt. „Es ist die absolute Hölle“, sagt Karin Jennrich in einem NDR-Hörfunk-Interview, „es ist grausam“. Seit mehr als drei Monaten befindet sich ihr 32 Jahre alter Sohn im Pekinger Gefängnis Nummer eins mit zwölf weiteren Gefangenen in einer Zelle in Untersuchungshaft. „Wir wissen nicht, was wir tun können“, sagt seine Mutter, „wir wissen nicht genau, was ihm vorgeworfen wird.“

Der Fall soll am Wochenende beim deutsch-chinesischen Rechtsdialog in München angesprochen werden.

Nils Jennrich aus Rendsburg arbeitete bis zum 29. Mai in Peking für die Kunstspeditionsfirma Integrated Fine Art Solutions (IFAS) – bis die chinesische Polizei kam und ihn und seine chinesische Mitarbeiterin Lydia Chu verhafteten. Beiden wird offenbar Schmuggel und Steuerhinterziehung vorgeworfen, jeder Versuch, sie auf Kaution freizubekommen, ist bislang gescheitert. „Der Fall wird nach chinesischem Recht behandelt“, sagte ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums. Nils Jennrich soll den Zoll um eine Summe von zehn Millionen Yuan (1,3 Millionen Euro) betrogen haben, im Falle einer Verurteilung könnten ihm bis zu zehn Jahre Haft drohen. Er soll den Wert nach China eingeführter Kunstgegenstände als zu niedrig angegeben haben und damit den chinesischen Staat um Einfuhrsteuern betrogen haben, die bis zu 30 Prozent betragen können. Sein Chef wundert sich über den Vorwurf. Seine Firma sei nicht für die Einfuhrangaben verantwortlich, sagte IFAS-Chef Torsten Hendricks. Er müsse sich auf die Angaben der Auftraggeber verlassen, die er dann dem Zoll vorlege. „Wir sind Logistiker, keine Kunstexperten“, sagte Torsten Hendricks. Er sei bisher nicht darüber informiert worden, welche Aufträge oder Kunstwerke den angeblichen Betrug verursacht haben sollen. In China kann ein Beschuldigter bis zu sieben Monate ohne genaue Anklage in Untersuchungshaft festgehalten werden.

Das Vorgehen der Behörden ist ungewöhnlich. „Normalerweise werden die Waren vom Zoll festgehalten und man findet in Beratungen eine Lösung“, sagt der China-Zollexperte John Larkin „Bloomberg.com“. Hintergrund des Vorgehens dürfte eine aktuelle Kampagne der Behörden gegen reiche und einflussreiche Chinesen sein, die ihr Geld in teure, im Ausland gekaufte Kunst anlegen, und durch zu niedrig angegebene Werte Einfuhrsteuern hinterziehen. Neben der Firma IFAS geriet auch die Kunstspeditionsfirma Nuoya in den Fokus der Behörden. „Steuerhinterziehung war in China bei Kunstwerken nichts Ungewöhnliches, besonders bei importierten Werken – bis April“, schreibt die chinesische Webseite „Caixin“, „dann hat der chinesische Zoll eine Kampagne gestartet – der gesamte Kunstmarkt ist geschockt.“ Karin Jennrich hält ihren Sohn deshalb für ein Bauernopfer. „Die wollen den reichen Chinesen aufzeigen, Leute bis hierher und nicht weiter.“

Nils Jennrich muss mit zwölf weiteren Gefangenen auf Betonboden schlafen, 15 Kilogramm soll er schon abgenommen haben, sagte ein französischer Zellengenosse seinem Anwalt. Benedikt Voigt

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