Welt : Der falsche Pfarrer bezauberte früher die Berliner

Es war genau die gleiche Masche – er begeisterte die Menschen wie kaum ein anderer Priester. Tagesspiegel-Leser berichten

Claudia Keller

Als er gestern die Meldung im Tagesspiegel über den falschen Pfarrer in Österreich las, dachte Hans-Jürgen van Schewick gleich an eine Begebenheit, die sich genau so 1997 in Berlin zugetragen hat. „Auch hier hatten wir einen falschen Pfarrer“, sagt van Schewick, „es war Axel Vilsmeier“. Van Schewick ist der Vorsitzende des Diözesanrats, des obersten Laiengremiums im Berliner Erzbistum. Wie in Österreich, eroberte Vilsmeier auch in der Heilig-Geist-Gemeinde in Charlottenburg die Herzen der Gemeindemitglieder in Kürze. Er habe sich eines Tages als katholischer Pfarrer aus Süddeutschland vorgestellt, der ein Sabbatjahr habe und dieses in Berlin verbringen wolle. Ob er nicht ehrenamtlich bei der Jugendarbeit mithelfen könne. Der Gemeindepfarrer hatte nichts dagegen.

„Wir waren total begeistert“, sagt Pascal Dykiert. Der heute 25-Jährige war damals Ministrant in Heilig Geist. Auch ihm und seiner Mutter kam die gestrige Meldung über den falschen Pfarrer so bekannt vor, dass sie sich beim Tagesspiegel meldeten. Der neue Pfarrer sei so gut angekommen, weil er sich für alle Zeit genommen habe. Er habe regelmäßige Gruppenstunden eingeführt, Jugendreisen organisiert und sich für die Jugendlichen eingesetzt, auch wenn es Auseinandersetzungen mit dem eigentlichen Pfarrer gab. Die Jüngeren hätten ihn alle geduzt. „Außerdem hat er gut gepredigt und schöne Messen gehalten.“ Die Gemeindemitglieder schwärmten so sehr von Vilsmeiers Predigten, dass der eigentliche Pfarrer eifersüchtig und sauer war, sagt van Schewick. Auch Beichten habe Vilsmeier entgegengenommen. Mehr nicht, keine Taufen, keine Hochzeiten. Van Schewick und Dykiert schätzen, dass Vilsmeier zwischen drei und sechs Monaten in Heilig Geist gewirkt habe. „Manchmal wunderten wir uns, dass er Gebete nicht auswendig konnte, die sonst jeder Pfarrer drauf hat“, sagt Dykiert.

Manchmal habe er auch seltsame Elemente im Gottesdienst eingeführt. Darauf angesprochen, habe Vilsmeier erklärt, dass das in seiner Gemeinde in Süddeutschland so üblich sei. Van Schewick erinnert sich, dass der Gemeindepfarrer Vilsmeier mit zu Pfarrersversammlungen nehmen wollte, wovor sich dieser gedrückt habe. Als sich die Anzeichen dafür häuften, dass etwas nicht stimmt mit Vilsmeier, habe der Gemeindepfarrer zum ersten Mal Vilsmeiers Pfarrerausweis sehen wollen. Aber den gab es nicht, der Schwindel flog auf.

„Wir waren wahnsinnig enttäuscht“, sagt Pascal Dykiert. Vilsmeier habe sich bei den Jugendlichen entschuldigt. Sie hätten versucht, ihn zu überreden, als Hausmeister zu bleiben. Aber die Mehrheit der Gemeindemitglieder fühlte sich so sehr betrogen, dass eine Weiterbeschäftigung nicht in Frage gekommen sei. Kurze Zeit später sei Vilsmeier verschwunden, man habe nichts mehr von ihm gehört.

„So etwas kommt immer wieder vor“, sagt Stefan Förner, der Berliner Bistumssprecher. In Berlin sei aber seit Vilsmeier kein falscher Pfarrer mehr aufgetaucht. In den Amtsblättern der Bistümer werde immer mal gewarnt vor dem einen oder anderen. „In jedem Beruf gibt es Hochstapler“, sagt Förner, „warum sollten die Pfarrer eine Ausnahme sein?“

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