Welt : Der Film der Anderen

Deutscher Oscar-Sieger startet in Großbritannien

Markus Hesselmann

London - Ulrich Mühe observiert London. So scheint es jedenfalls, denn das Bild des Stasihauptmanns Gerd Wiesler hängt in vielen U-Bahn-Stationen der Stadt. Es wirbt für „The Lives of Others“, die englisch untertitelte Version des deutschen Oscar-Gewinners „Das Leben der Anderen“. Der Film über die Bekehrung des Stasioffiziers lief gestern in Großbritannien an. Die Kritiken sind euphorisch: „Superb“ nennt das Magazin „Time Out“ den Film. Für die Zeitung „The Guardian“ ist er schlichtweg „der beste Film des Jahres“. Ulrich Mühe „verdient ein besonderes Lob“, schreibt der „Evening Standard“.

Bei der ersten Vorführung am Donnerstagabend war das Curzon-Kino im West End voll besetzt, 250 begeisterte Zuschauer klatschten Beifall. „Wir hätten noch einmal so viele Karten verkaufen können“, sagte Jason Wood vom Veranstalter Picturehouses. Nach der Vorstellung beantwortete der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck Fragen. Er trat vor ein gut informiertes Publikum, das gezielt nach Ost-West-Unterschieden fragte. Etwa: Der Film hatte in ganz Deutschland Erfolg, wurde er nicht trotzdem im Osten und im Westen mit verschiedenen Augen gesehen? „In Ostdeutschland kommt der Film gut an, weil er die Menschen und ihre Probleme dort ernst nimmt“, sagte der Regisseur. „Die Westdeutschen mögen ihn als politischen Thriller.“ Besteht nicht die Gefahr der Verharmlosung der Stasi? „Ich glaube nicht, dass durch den Film jemand glaubt, dass alle Stasioffiziere so waren wie Wiesler“, sagte Henckel von Donnersmarck. Er wolle die große Ausnahme zeigen. „Dadurch wird klar, dass es möglich ist, sich anders zu verhalten.“ Musste ein Westdeutscher her, um einen differenzierten Film ohne Nostalgie über die DDR zu machen? „Meine Herkunft hat sicher geholfen“, sagte Henckel von Donnersmarck. Doch so ganz ohne Beziehung zum Osten sei er ja nun nicht. „Meine Eltern kamen von dort, und ich war zu Verwandtenbesuchen in der DDR.“

Sein Film geht in Großbritannien mit 64 Kopien in die Kinos. Das ist eine hohe Zahl für einen nichtenglischsprachigen Film. Zum Vergleich: „Good bye, Lenin!“ startete mit 29, „Der Untergang“ mit 49 Kopien. „Ich sehe vor allem in London und in Universitätsstädten wie Oxford, Cambridge oder Brighton ein gutes Potenzial“, sagte Jason Wood, der auch als Kritiker und Filmbuchautor arbeitet. Für das gebildete Publikum sei es völlig normal, dass „The Lives of Others“ wie jeder fremdsprachige Film in Großbritannien und den USA nicht in synchronisierter Fassung, sondern mit Untertiteln läuft.

Doch es gibt da ein Problem, das wohl nur Cineasten überhaupt als Problem sehen, aber alle aktuellen Filme betrifft: „Der Sommer könnte sehr warm werden“, sagte Jason Wood. „Das ist ein Nachteil.“

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