Welt : Der Film, der Schicksal spielte

Nach ihrem gewaltsamen Tod kommt Marie Trintignants letzter Film in die Kinos – und Frankreich leidet erneut

Sabine Heimgärtner[Paris]

Der Film war schon ein Kultfilm, bevor er überhaupt ein einziges Mal über eine Kinoleinwand lief. „Janis und John“ startete in dieser Woche in 245 französischen Kinos, die Warteschlangen vor den Kassen sind lang und die Taschentücher gezückt, obwohl es sich um eine sprühend-witzige Komödie handelt, die unter normalen Umständen für knappe zwei Stunden Entspannung gesorgt hätte, ohne jeden Hintergedanken.

Nun aber ist ausgerechnet dieses heitere Stück zum Testament geworden. Die vor zwei Monaten unter tragischen Umständen im fernen Litauen ums Leben gekommene Schauspielerin Marie Trintignant, Tochter des weltweit berühmten Darstellers Jean-Louis Trintigant, spielt darin ihre letzte große Kinorolle. „Janis und John – der Film im Herzen des Dramas von Vilnius“, titelte die Boulevard-Zeitung „Le Parisien“ am Tag des Kinostarts. Selten hat ein Film die Franzosen so bewegt, selten gewannen Banalitäten und Zufälligkeiten im Nachhinein eine solche Bedeutung.

Es ist ausgerechnet Janis Joplin, die Marie Trintignant im Film verkörpert, die amerikanische Pop-Ikone, die ebenfalls in jungen Jahren starb, an einer Heroinvergiftung, und ausgerechnet Drogen sind es, die im Zusammenhang mit dem brutalen Tod der Trintignant immer wieder im Gespräch sind. Und nicht nur das: Bei den Dreharbeiten zu „Janis und John“ lernte die schöne französische Schauspielerin mit dem schwermütigen dunklen Blick ihren späteren Liebhaber, den Rockstar Bertrand Cantat, kennen. Knapp ein Jahr später war es wieder dieser Film, der Schicksal spielte: Das erste Kinowerk von Trintignants Ex-Ehemann Samuel Benchetrit, der in einer zärtlichen Handymail an „meine kleine Janis“ noch einige Fragen zum Kinostart hatte, provozierte die rasende Eifersucht ihres neuen Geliebten und schließlich den tödlichen Streit.

Die Amour fou der beiden französischen Künstler, die Ende Juli in einem Hagel von Schlägen in einem litauischen Hotelzimmer abrupt zu einer modernen Tragödie wurde, läßt Frankreich nicht los. Kein Tag vergeht, an dem die Zeitungen nicht irgendwelche Neuigkeiten zu berichten haben. Aus Litauen, wo der Bandleader der französischen Rockgruppe „Noir Desir“ im Gefängnis auf seinen Prozess wartet, meldet sich die Cantat-Familie immer wieder zu Wort, sei es mit spontan veranstalteten „Gedenkparties“ in dubiosen Cafés in Vilnius, sei es mit Äußerungen von Xavier Cantat, der verzweifelt versucht, mit Statements seines Bruders den Menschen hinter dem Schläger sichtbar werden zu lassen. „Er weint viel, weniger um sich als um Marie“, las man in der französischen Presse. Wenig später ging das Ferienhaus Cantats im französischen Südwesten in Flammen auf. Im Fernsehen liefen bereits drei Dokumentarfilme, die versuchten, Licht ins Dunkel der Liebesaffäre zu bringen, Psychotherapeuten geben in Zeitschriften Interviews über Gewalt in der Liebe, Frauen-Organisationen haben Marie längst zur Symbolfigur der mißhandelten Frau vereinnahmt und Cantat-Fans diskutieren im Internet, ob man die bislang als Bestseller gehandelten Platten von „Noir Desir“ überhaupt noch kaufen darf.

Eine ganze Nation steht Kopf. Öl ins Feuer goss kurz vor dem Kinostart noch der literarische Schnellschuss der nicht weniger bekannten Mutter des Stars, der Regisseurin Nadine Trintignant, die in ihrem Buch „Meine Tochter, Marie“ voller Haß mit dem letzten Liebhaber ihres Kindes abrechnet und mit bereits 150 000 verkauften Exemplaren den ersten Platz der Bestsellerlisten ziert. Vergeblich versuchte der Anwalt der Cantat-Familie den Verkauf des Buches zu stoppen, mit dem Argument der unzulässigen Vorverurteilung – auf 167 Seiten bezeichnet die Mutter den Rocksänger 84 Mal als „Mörder“ oder „Totschläger“. Ebenso vergeblich konterte der Anwalt des Trintignant-Clans, Cantat sei immer schon gewalttätig gewesen. Detektive sind derzeit laut Presseberichten dabei, im Vorleben der beiden Liebenden herumzuschnüffeln, um der „Schuldfrage“ näher zu kommen. Hat Cantat seine frühere Ehefrau Kristina, Mutter seiner beiden Kinder, ebenfalls geprügelt? Ein brutales Monster in schwarzer Lederkluft?

Trintignant – war sie eine sanftmütige Heilige oder die Femme fatale, die ihre zahlreichen Männer grundsätzlich an der Nase herumführte? Eine Provokateurin in Engelsgestalt? Eine notorisch untreue, drogenabhängige Egomanin, die es sich im Schatten ihrer berühmten Familie gut gehen ließ? Oder die liebevolle talentierte Schauspielerin, die sich rührend um ihre vier Kinder von vier verschiedenen Ehemännern kümmerte? Die Antwort darauf, was sich in der Nacht vom 26. zum 27. Juli in dem Hotelzimmer wirklich abspielte, weiß möglicherweise nicht einmal Cantat genau, denn bei der Eifersuchtsszene müssen viel Alkohol und einige Joints im Spiel gewesen sein. Fest steht vor allem eines: Sie waren so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Er – das Kind aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, das sich zum Rockstar hocharbeitet, sie – das behütete Mädchen einer Künstlerdynastie.

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