Welt : Der Film meines Lebens: Der Schriftsteller Albert Ostermaier über "Stalker"

Johanna Adorján

Es gibt Filme, die zur völligen Bewegungsunfähigkeit führen, man möchte seine Wohnung nicht mehr verlassen, bleibt im Kino nach dem Abspann in katatonischer Angst sitzen, die Beine sind eingeschlafen, der Atem wird panisch. Draußen, das ist ein Minenfeld, jeder Schritt könnte der letzte sein, jede Normalität ein Trugbild. Die Autos rutschen auf den Strassenbahnschienen, die U-Bahnschächte schlucken die Fußgänger, im Kino geht das Licht an, die Leute strömen aus den Türen, der Schnee an den Schuhsohlen hat sich in eine Pfütze verwandelt. Ich kann nicht aufstehen, unmöglich.

In "Dantons Tod" gehen zwei Herren spazieren. Auf einmal hält der eine inne, fleht den anderen an: "Ihre Hand, Herr! Die Pfütze." In grösster Not überwindet er das Hindernis. "Die Erde ist eine dünne Kruste, ich meine immer, ich könnte durchfallen, wo so ein Loch ist". Seit ich "Stalker" von Tarkowski gesehen haben, kann ich über keine Wiese mehr gehen, schon gar nicht durch ein Weizenfeld. Auch lepröse Industrielandschaften sind völlig tabu, denn sie sind das Tor zur Hölle, ziehen einen magnetisch, wie auf Gleisen gezogen zur Zone, dem verbotenen Ort, wo alle verborgenen Wünsche in Erfüllung gehen und man alle Hoffnung fahren lässt. Stalker, ein Gehetzter mit Blei in den Adern, führt die Suchenden auf eine apokalyptische Odyssee. Die Zone könnte am Rand jeder Stadt sein, doch über die Banalität der Bilder zieht Tarkowski einen Benzinfilm. Ein Streichholz, und die Netzhaut beginnen zu brennen. Das Ziel ist ein verfallenes Haus. Nichts passiert, dann klingelt, wie kann das sein, ein Telefon. Nur nicht abheben...

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