Welt : Der Film meines Lebens: Designer Oliver Vogt über "Themroc"

Johanna Adorján

"Themroc" gehört zur Serie der großen sozialkritischen Filme aus dem Frankreich der 60er, 70er Jahre. Ein anarchischer Film über einen Mann, der die Nerven verliert; in der Hauptrolle Michel Piccoli, den ich verehre, als Anstreicher. Eines Tages, er streicht gerade die Fassade der Firma, in der er arbeitet, beobachtet er, dass sein Chef Sex mit der Sekretärin hat. Der Chef bemerkt ihn, knallt ihm erbost das Fenster vor die Nase, und von diesem Moment an wird alles anders im Leben des Anstreichers. Er kündigt alles auf. Ändert sein Leben radikal. Er wirft seinen Fernseher und alle Dinge, die mit dieser Kultur zu tun haben, aus dem Fenster und verwandelt seine Wohnung, eine Plattenbauwohnung in einer spießigen französischen Vorstadtsiedlung, in eine Art Steinzeitbehausung. Eine Wand haut er raus und lebt fortan im Appartement im fünften Stock unter freiem Himmel. Einige seiner Nachbarn machen mit. Nachts scharen sich alle Gleichgesinnten um das Lagerfeuer im Wohnzimmer und heulen den Mond an. Überhaupt wird gegen Ende hin nicht mehr viel gesprochen, vielmehr wird gegrunzt. Man jagt Hunde, um etwas auf den Tisch zu bekommen, und einmal, Anlass ist ein großes Barbecue, wird sogar ein Polizist gegessen. Der Film könnte wunderbar in Berlin-Marzahn spielen.

Als ich den Film gesehen habe, das ist sicher 15 Jahre her, war ich ziemlich beeindruckt von seiner Radikalität. Auf diese Weise aus dem Zivilisationsknast auszubrechen - das hat mich beeindruckt. Ich persönlich ziehe einfach nur permanent um, keine Wohnung hält mich länger als ein Jahr. Übrigens, ich suche gerade wieder: Mitte, Dachgeschoss, möglichst noch nicht renoviert.

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