Welt : Der Film meines Lebens: Philosoph Hermann Lübbe über Katastrophenfilme

Johanna Adorján

In Bezug auf das moderne Massenmedium Film bin ich, was man gemeinhin einen Muffel nennt. Durch Vielbeschäftigung lebe ich unter dem Druck der Zeitknappheit. Ich muss also auswählen und habe es immer vorgezogen, Bücher zur Hand zu nehmen. Ihr Informationsgehalt ist nachhaltiger.

Immer wieder haben mich aber Katastrophenfilme interessiert. Dass Menschen sich mit Endperspektiven beschäftigen, ist nicht neu. In the long run we are all dead. Die religiöse Urkunde, die vom Ende aller Dinge handelt, ist das Johannes-Evangelium. 20 von 22 Kapiteln handeln vom Untergang. Nicht anders in den zahllosen Katastrophenfilmen Hollywoods: Da gibt es das Schreckensszenario von der Annäherung eines großen Meteoriten an die Erde, der droht, alles zu zerstören, gelänge es nicht, in letzter Sekunde durch eine atomare Explosion, ihn von seinem Kurs abzubringen; die Erdbebenfilme; die Seebeben-Filme. Der eindrucksvollste Film, der mir in dieser Hinsicht begegnet ist, spielte im Jahre 2050: Die Bevölkerung der Erde ist auf 50 Milliarden Menschen angestiegen, die Umwelt vergiftet - die Ernährung lässt sich nur noch mit einem fett- und eiweißreichen Einheitsprodukt bewerkstelligen, das aus Menschenleichen gewonnen wird. Wer sich freiwillig zum Recycling meldet, dem winkt ein garantiert schmerzloses Ende zu den Klängen von Beethovens Pastorale.

Katastrophenfilme sind in der Herstellung extrem teuer. Sie würden nicht gedreht, wenn es für sie nicht ein solches Massenpublikum gäbe. Das zeigt an, wie massiv die Menschheit sich auch gegenwärtig mit dem Ende aller Dinge beschäftigt.

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