Welt : "Der Fluch des Lachens": Am Felsgrund der Fiesheit

Rolf Brockschmidt

Er ist einer der ganz großen Cartoonisten der USA, ja, vielleicht der politische Cartoonist, der in den vergangenen Jahrzehnten die amerikanische Gesellschaft und ihre Politiker mit dem Zeichenstift kritisch in der "Village Voice" und später der "New York Times" begleitet hat. Aber "politische Cartoons bringen nichts mehr", bekannte Jules Feiffer kürzlich in der American Academy Berlin, "ich mache jetzt lieber Kinderbücher, um sozusagen das Gift in die nächste Generation zu tragen."

Nach seinem autobiografischen Debüt "Der Mann an der Decke" ist nun bei Gerstenberg "Der Fluch des Lachens" erschienen, ein Buch, das Feiffer besonders am Herzen liegt.

Feiffer erzählt die Geschichte des Prinzen Roger, der jeden, aber auch jeden, selbst Vögel und Würmer, durch seine bloße Anwesenheit zum Lachen bringt. Rogers Vater, König Wihissesdonoch, ein Wortverdreher vor dem Herrn, schickt ihn über seinen Zauberer auf eine Bildungsreise, auf eine SUCHE, die ihn durch solch fantastische Orte wie den "Wald ohne Wiederkehr", den "Felsgrund der Fiesheit", das "Reich der Rachsucht", den "See der Seufzer" und den "Berg der Bosheit" führen wird.

Worin die SUCHE bestehen soll, das lassen der König und sein Zauberer offen. Beide hoffen nur, dass Roger als geläuterter und ernsthafter Prinz von dieser SUCHE zurückkehrt, um einmal den Thron zu besteigen.

Wer allerdings von Jules Feiffer ein klassisches Märchen erwartet hat, sieht sich getäuscht. Feiffer spielt mit dem Genre Märchen, zeigt in jeder Zeile, dass er, der Autor, bestimmt, wie die Geschichte weitergeht, wenn ihm nicht gerade der Jäger Tom wieder einen Streich spielt. Den führt Feiffer gleich zu Beginn ein, nur um zu demonstrieren, wie Roger auf Menschen wirkt. Dann soll er wieder aus dem Roman verschwinden. Aber Tom hält sich nicht daran und taucht nach eigenem Gutdünken zum Verdruss des Autors in weiteren Kapiteln auf.

Feiffer wendet sich immer direkt an seine Leser, kommentiert die Handlung, rechtfertigt seine literarische Strategie und würzt einzelne Personen mit liebenswürdigen Macken. Allein die Wortverdrehungen des Vaters machen jeden Dialog zum Vergnügen und zu einer Herausforderung an den Übersetzer Werner Leonhard. Auf seiner Wanderschaft durch die abenteuerlichen Gefilde lernt Roger, der bisher nur Spaß und Vergnügen kannte, auf einmal andere menschliche Regungen. Er muss Entscheidungen treffen, er leidet, er liebt, und er vermisst seine Freunde, er entwickelt ein Gefühl für Gerechtigkeit und übernimmt Verantwortung.

Das alles erzählt Jules Feiffer ganz locker mit blühender Fantasie, dass nicht nur Kinder auf ihre Kosten kommen. Und wenn ein Cartoonist einen Roman schreibt, dann dürfen, wie schon bei seinem Debüt, die Zeichnungen im Text nicht fehlen. Sie ergänzen wunderbar die Geschichte und dienen dem Autor auch ausdrücklich dazu, erzählte Zusammenhänge noch einmal optisch darzustellen.

Dass Roger seine SUCHE meistert, versteht sich, nur meistert er sie ganz anders, als man gemeinhin in einem Märchen erwarten darf. Und es war nicht die letzte SUCHE, denn das Suchen hört niemals auf.

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