Welt : Der ganz normale Ikea-Adel

Die Skandinavier verspotten ihre Königshäuser, das „Ekstra Bladet“ schreibt vom Untergang der Monarchien. Geliebt werden sie trotzdem

André Anwar[Stockholm]

Prinzessin Märtha Louise von Norwegen und ihr Mann Ari Behn haben offenbar die Nase voll von Oslo. Deswegen wollen sie bald mit ihrer kleinen Tochter Maud Angelica nach New York ziehen und dort mindestens ein Jahr bleiben – um endlich einmal „in die Anonymität abzutauchen“, wie es hieß. Und als Prinz Haakon – Märtha Louises Bruder – seine Verlobung mit der allein erziehenden Mutter Mette-Marit feierte, tat er das im Gartenzelt der Schwiegereltern bei frisch gezapftem Bier und Grillfleisch bürgerlicher Art. Wenige Monate später zog das Paar für kurze Zeit nach London, wo es beim Transport von zahllosen Ikea-Papiertüten fotografiert wurde. „Das ist die neue Ikea-Monarchie“, spottete man, wohl verwirrt über so viel Volksnähe, Modernität und auch Normalität der Monarchen der nordischen Ländern. Auch die Geburt der gemeinsamen Tochter Ingrid Alexandra konnte an diesem Ruf wenig ändern.

„Die skandinavischen Königshäuser befinden sich auf einer Rutschbahn, die ganz bestimmt nicht zu ewigem Leben führt“, schrieb Dänemarks größte Boulevardzeitung „Ekstra Bladet“ kürzlich in einem Leitartikel. Die nordischen Boulevardzeitungen berichten zur Zeit verstärkt darüber, wie geldgierig, trottelig oder faul die Königshäuser angeblich geworden sind. Und nicht nur die junge Generation bereitet den Blättern Sorgen.

Den Anfang vom Ende der schwedischen Monarchie hatten schwedische Zeitungen ausgerufen, als König Carl Gustaf öffentlich für den Führungsstil und die Volksnähe des befreundeten Sultans von Brunei schwärmte. Begeistert über die Gastfreundschaft des Diktators sprach der König: „Dieses Land ist so offen wie kein anderes.“ Schwedische Zeitungen unkten, dass der König sich vor allem für die große Sportwagensammlung des Sultans begeistert. In Stockholm erwartete König Carl Gustaf scharfe Kritik aus allen gesellschaftlichen Lagern. Der König hatte ein Gespräch mit Regierungschef Göran Persson zitiert. Eine direkte Entschuldigung lehnte er aber ab und verteidigte sich damit, dass man ihn falsch verstanden habe. Regierungschef Persson nahm ihn in Schutz. „So etwas passiert eben mal, auch mir“, gab der Staatschef zu, und eine sofort erhobene Umfrage bescheinigte, dass sieben von zehn Schweden ihr Königshaus weiterhin sympathisch finden. Die Affäre scheint damit vom Tisch zu sein. Aber ein Nachgeschmack bleibt, so wie auch nach den kritischen Äußerungen des schwedischen Monarchen über die Reform der Thronfolgeregelung, wonach die Männer nicht mehr bevorzugt werden und allein das Alter bestimmt: König Carl Gustaf hatte angedeutet, er bedauere es, dass nun die ältere Prinzessin Victoria und nicht mehr sein Sohn Thronnachfolger werden könne.

Und dann kritisierten Anfang des Monats auch noch Politiker fast aller schwedischen Parlamentsparteien, dass König Carl Gustaf die ihm und seiner Familie zustehende Apanage von 4,8 Millionen Euro ohne jede Rechenschaftspflicht nach Belieben ausgeben darf. Obwohl der Herr über ein Privatvermögen von 250 Millionen ausdrücklich erklärt hatte, er würde es „nicht cool finden“, wenn er die Verwendung seiner Apanage offen legen müsste, zwang ihm der Verfassungsausschuss die Offenlegung seiner Ausgaben auf.

Königin Margrethe II. von Dänemark muss ihren königlichen Verwandten in Stockholm schon fast um solche Schlagzeilen beneiden. Sie musste neulich erleben, wie angebliche homosexuelle Neigungen ihres Ehemannes Prinz Henrik in Zeitungen ausgebreitet wurden. Dass mehrere Zeitungen sich dabei ausschließlich auf Gerüchte als „Quelle“ beriefen, fanden viele Dänen, wie zahllosen Leserbriefen zu entnehmen war, schlicht gemein.

Die Schlammschlacht geht weiter: Zwei Monate vor der Hochzeit von Kronprinz Frederik mit der australischen Juristin Mary Donaldson nannte ein Blatt den Thronfolger einen „Unreifen“, der mit „endlosen Ferien“ und einem Monatslohn von umgerechnet 130 000 Euro aus Steuermitteln einfach bloß faulenze. Die Dänen sprechen von ihrem Kronprinzen liebevoll als „Froschmann Pingo“, weil er einmal ein guter Kampfschwimmer war. Schlamm ist der Kronprinz also gewohnt.

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