Welt : "Der gestohlene Sommer": Schwimmen ist was Wunderbares

Stephanie von Selchow

In den Sommerferien fährt Andis mit seiner Mutter Christine und seiner kleinen Schwester Teresa in das Ferienhaus am See. Teresa ist geistig behindert, und Christine hat sich seit ihrer Geburt verändert: Auch in diesen Ferien zieht sie sich in sich zurück und ist kaum ansprechbar. Also kümmert Andis sich um die geliebte kleine Schwester: In Anlehnung an Andersens kleine Meerjungfrau erzählt er ihr das Märchen von der Lilofee.

So kommt es, dass Teresa die Pennerin Lilo, die sich kurz darauf in Andis Bootshaus einrichtet, für die "Lifee" hält. Andis ist der abgerissenen, fluchenden und sehr direkten jungen Frau gegenüber erst misstrauisch, lässt sich aber dann von Teresas Intuition leiten: Die Kleine ist ganz begeistert von Lilo, die ihr sogar das Schwimmen beibringt, was bisher noch niemand gelungen ist. Andis verteidigt Lilo gegenüber seinem Freund Gode vom Campingplatz, der die Pennerin nur nach ihrem Äußeren be- und verurteilt. Lilo wiederum, die sehr unbefangen mit ihrem Körper umgeht, stürzt Andis in Verwirrung, als sie seine Hände kurz auf ihre Brüste legt. Doch dann durchsucht die Polizei das Bootshaus, und Lilo muss mit Teresa eine Weile verschwinden. Da wacht Christine endlich aus ihrer Lethargie auf.

Hanna Jansen hat ein erstaunlich reifes Debüt geschrieben: psychologisch genau, realitätsnah und poetisch. Die rotlockige kleine Teresa wird jeder Leser sofort ins Herz schließen, ohne dass die Beschreibung je sentimental würde.

Nur sie kann den sensiblen 15-jährigen Andis lehren, sich auf seine Intuition zu verlassen und Verantwortung zu übernehmen: Teresas Verdienst, dass er in diesen Ferien - im Gegensatz zu seinem Freund Gode - erwachsen wird.

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