Welt : Der Glanz wird aufpoliert

GEORG ETSCHEIT[dpa]

Mit der sächsischen Fürstenschule wird eine Legende wiederbelebt - ohne Furcht vor ElitenVON GEORG ETSCHEIT, dpa"Theoprast, Plautus und Terenz waren meine Welt, die ich in dem engen Bezirk einer klostermäßigen Schule mit aller Bequemlichkeit studierte." Gotthold Ephraim Lessing erinnerte sich mit Wohlgefallen an seine Pennälerzeit in der Fürstenschule St.Afra zu Meißen."Wie gerne wünschte ich mir diese Jahre zurück, die einzigen, in welchen ich glücklich gelebt habe." Inzwischen war der Glanz der sächsischen Fürstenschulen verblaßt.Doch nun will der Freistaat mit seinen Plänen für ein europäisches Elitegymnasium in St.Afra an die alten Traditionen anknüpfen. Mit beinahe revolutionären Unterrichtskonzepten soll in Meißen Führungsnachwuchs für das Europa des 21.Jahrhunderts herangebildet werden: Trimester statt Schuljahre, fächerübergreifendes Lernen statt des in Verruf geratenen Frontalunterrichts, mindestens drei Fremdsprachen - darunter eine Altsprache - und längere Auslandsaufenthalte - so werden voraussichtlich vom Jahr 2000 an etwa 300 hochbegabte Afraner auf verantwortungsvolle Aufgaben in der Gesellschaft vorbereitet.Noch beherbergt das Gebäude ein Regelgymnasium.Der Umbau der Fürstenschule kostet voraussichtlich 52 Millionen Mark. Das Landesgymnasium St.Afra wird - wie die alten Fürstenschulen - ein Internat sein."Wir wollen die klassische Trennung von Unterrichtszeit und Freizeit aufheben", sagt die Referatsleiterin Gymnasien im Sächsischen Kultusministerium, Ursula Koch, die das Konzept zusammen mit Fachleuten unter anderem von der berühmten Reformschule Schloß Salem am Bodensee ausgearbeitet hat.Ein Teil der Lehrer wird zusammen mit den Schülern wohnen und leben und ihnen als Mentoren bei der Bewältigung des enormen Pensums zur Seite stehen. Als Kaderschmieden für den protestantischen Klerus und die Staatsverwaltung hatte Herzog Moritz von Sachsen 1544 die drei Fürstenschulen St.Afra, St.Augustin in Grimma bei Leipzig und Schulpforta im heutigen Sachsen-Anhalt gegründet.Neben strengem Studium und "klostermäßiger" Zucht, wie Lessing sie erfuhr, gehörte immer schon "das Leben für Andere" zum Geist der Schulen.Das soll auch künftig gelten: "Wir wollen keine kleinen Einsteins heranzüchten, sondern modernen Führungsnachwuchs mit Teamfähigkeit", sagt Koch. Das Konzept des Elitegymnasiums steht und fällt mit der Auswahl von Schülern und Lehrern.Die Lehrerstellen sollen europaweit ausgeschrieben werden.Für die Schüler in spe sind unter anderem mehrtägige "summer camps" vorgesehen, in denen Kreativität und soziale Eignung getestet werden sollen.Etwa ein Viertel der Schüler soll nach derzeitigen Plänen des Ministeriums mit monatlich 1000 Mark unterstützt werden.Auch der zwölfjährige Lessing hatte nur mit finanzieller Unterstützung eines adligen Gönners eine Freistelle in St.Afra ergattert.

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