Welt : Der Hintermann

Wer kennt Wesley Plass? Niemand. Aber seine Klänge begleiten unser Leben, ohne dass wir es bewusst wahrnehmen

Sebastian Handke

Einen großen Teil der Zeit ist der Mensch von Klängen umgeben. Jeder Fernsehsendung beginnt mit irgendeiner Melodie oder Klangfolge, ebenso wie jeder Film, jeder Internetauftritt, jede Radiosendung, jede Werbeeinspielung, jede Unterbrechung einer Live-Übertragung. Überall gibt es Wiedererkennungstöne, an die sich der Mensch so gewöhnt hat, dass er sie bewusst gar nicht mehr wahrnimmt. Wer sind die unsichtbaren Hintermänner unserer Klangumwelt, die unser ganzes Leben begleitet?

Es gibt sie. Sie haben Namen. Namen, die keiner kennt, obwohl ihre Klänge unser aller Unterbewusstsein mitprägen. Wer erinnert sich nicht an ein Erlebnis, da ein Kollege oder Bekannter unbewusst einige Töne aus einem alten Schlager pfeift – wie „hot stuff“ von Donna Summer – und fortan geht die Melodie den ganzen Tag nicht mehr aus dem Sinn?

Es gibt Produzenten, die ihr Werk im Stillen verrichten. Wer hat schon mal von Wesley Plass gehört? Wohl keiner. Es hat ihn auch kaum einer gesehen. Im ganzen Internet gibt es kein Foto von ihm zu finden. Und doch kennt jeder seine Musik. 1991 machte ihn ein befreundeter Musikredakteur vom Süddeutschen Rundfunk darauf aufmerksam, dass bereits 166 Millionen Platten verkauft wurden, an denen Plass als Komponist, Musiker oder Produzent mitgewirkt hatte. Heute dürften es 200 Millionen sein. Und er produziert Klänge für so genannte Klangbibliotheken, aus denen sich Funk, Film und Fernsehen für Wiedererkennungsmelodien bedienen können. Plass spielte früher Gitarre für Udo Lindenberg und Warlock, setzte Donna Summer, Pe Werner und Jennifer Rush in Szene, produzierte den irischen Edelbarden Jonny Logan, vertonte Purs „Abenteuerland“, spielte mit Dionne Warwick, Paul Anka, Harold Faltermeyer oder Konstantin Wecker. Hardrock und Jazz, Blues, Pop und Ballade – der Studiohandwerker Plass schüttelt es in direkter Folge aus dem Ärmel. „Es gibt zwei Mainstreams“, sagt er, „Klassik einerseits, Blues und Jazz andererseits. Alles andere leitet sich davon ab.“ Vieles hat Wesley Plass sich selbst beigebracht, und er ging dabei den langen Weg: dreieinhalb Tausend Konzerte hat er in den ersten zwanzig Jahren seines Musikerlebens gespielt. Mitte der Siebziger spielte er viermal die Woche bis ein Uhr im Münchner „Tabarin“, anschließend im „Cadillac“ bis in die Morgenstunden. „Es ist wichtig, dass man lernt, auch in schwerer Zeit als Musiker zu überleben - anstatt Taxi zu fahren oder bei Aldi im Lager zu stehen.“ Über seine Rolle als „Sideman“, wie er selbst sagt, ist Plass glücklich. „Ich bin ganz froh, dass mich niemand erkennt auf der Straße. Mir fehlt zwar die direkte Erfolgserfahrung vorm Publikum, aber die Freude über eine gelungene Platte, die man selbst betreut hat, das ist etwas Besonderes.“ 1998 zog er sich der gebürtige Münchner ins niederösterreichische Kamptal zurück und baute mit dem Keyboarder Hannes Treiber im Weinstädtchen Langenlois einen Bauernhof aus dem 12. Jahrhundert zum Tonstudio um. Mit dem Rückzug ins eigene Refugium zog Plass die Konsequenz aus Veränderungen in der Musiklandschaft – vor allem bei den Plattenfirmen. „Da sitzen heute ehemalige BWL-Studenten rum, die vielleicht irgendwann mal ein Instrument gespielt haben. Entscheidungen fallen ausschließlich unter kaufmännischen Gesichtspunkten – und dann versuchen sie Einfluss auf die künstlerische Arbeit zu nehmen.“ Wesley Plass und Hannes Treiber produzieren in Langenlois mit großem Erfolg ihre Library-Titel – Funktions- und Hintergrundmusik für das Fernsehen, die vor allem in Dokumentationen und Sportsendungen Verwendung findet. Plass hat sein Wirken als „Sideman“ damit gewissermaßen auf die Spitze getrieben: noch mehr als früher strukturiert er jetzt unsere musikalische Umgebung aus dem Verborgenen heraus. „Es ist ein tolles Spielfeld, auf dem man viel experimentieren kann. Niemand redet in die Arbeit hinein. Natürlich gibt es musikalische Klischees, die man bei solchen Auftragsarbeiten bedienen muss – abgesehen davon ist man aber sehr frei.“ Zum Autorennsport etwa, das ist Gesetz, gehören Hard Rock und Heavy Metal. „Die Musik für die amerikanische Formelrennserie ‚IndyCar’ ist gnadenlos. Vom Härtegrad her ist das reinstes Rammstein. Das macht richtig Spaß – wenn man einfach mal zwanzig laute Gitarren auf eine Produktion drauf spielen darf.“ Die Library-Titel werden in drei Varianten eingespielt: einmal als voller, dreiminütiger Song; dann ein zweites Mal ohne Melodie, damit über die Musik gesprochen werden kann. Schließlich wird noch eine 90-Sekunden-Version produziert, die als Jingle Verwendung findet. Manchmal gelingt es Plass aber auch, Vorgaben zu unterlaufen. Mit jener Musik etwa, die momentan auf Premiere zu hören ist: ein Mischung aus HipHop und Jazz, bei der in jedem zweiten Takt ein Schlag ausgelassen wird. Es ist ein hektisches, wildes Stück mit Jazzsaxophon und Trompete – und wird doch von Premiere zur Formel 1 eingespielt. 1500 solcher Musiken haben Wesley Plass und Hannes Treiber bislang eingespielt, für Auftraggeber in den USA, Japan, Australien, Südafrika. Man kann sie auf dem Discovery Channel hören, bei der „Space Night“ auf Bayern 3 oder zu Geschichtsdokumentationen im ZDF. Im Japanischen Sportfernsehen läuft einer seiner Jingles seit 16 Jahren mehrmals täglich. „Alleine davon könnte ich mir jeden Tag eine warme Mahlzeit leisten.“

Na, wenn das nicht ein bisschen untertrieben ist.

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