Welt : "Der Hunne am Tor": Und bin mir selbst ein Stein

Thomas Schaefer

Mit seinem jüngsten Roman ist Ludwig Homann ein doppeltes Risiko eingegangen: Zum einen knüpft "Der Hunne am Tor" direkt an den "Weißen Juden" an, Homanns spektakuläres Buch von 1998 - wodurch der Autor sich selbst zum anspruchsvollsten Maßstab macht. Zum anderen begibt er sich auf heikles Terrain: die grassierenden rechtsradikalen Umtriebe. Auch "Der weiße Jude" hatte deutschen Faschismus als Thema, behandelte diesen aber in den historisch abgesicherten Dimensionen der Nazizeit. Sie allerdings war gar nicht Homanns zentrales Anliegen. Vielmehr schilderte er am Beispiel seiner Figur Fridtjof Beese die Auswirkungen von Schuld und Täterschaft auf die Psyche eines Täters.

Beese, ein romantischer Schwärmer und verunsicherter Pubertierender, fasziniert vom vordergründig vollkommenen Menschenbild der Nazis, hatte als HJ-Pimpf seinen bewunderten Mitschüler Lennert denunziert, dessen Eltern behinderte Kinder versteckt hielten. Wie Beese in einem Augenblick auch sein eigenes Leben zerstörte, das ist Homanns Geschichte, die in vielem seinen bisherigen Büchern gleicht, in denen er die Seelenlage sperriger, kaum gesellschaftsfähiger Außenseiter zu ergründen suchte. Auch Fridtjof ist nicht in der Lage, mit seiner Schuld umzugehen. Weder gelingt ihm die Verdrängung seiner Tat, noch kann er sich mit ihr auseinandersetzen, sie "bewältigen". Er reagiert nur mittelbar, indem er einerseits in Kriegs- und Nachkriegszeit sein Leben jeder Gefährdung aussetzt, sich andererseits in Beruf und Liebe alle Wege zum Glück versagt - die unbewusste und deshalb sinnlose Form der Selbstbestrafung eines Sprachlosen, der nicht schweigt, "weil er etwas verschweigen wollte, sondern weil er noch nie zu irgend jemandem ein Wort über sich und seine Geschichte gesagt hatte, auch nicht wusste, wie er ein einziges Wort dazu sagen könnte."

Im "Hunnen am Tor" begegnen wir Beese als altem Mann wieder, ein verwitweter Rentner, der allein in seinem Haus lebt und vom Dasein nichts mehr zu erwarten hat. Gerade darum spürt er, dass ihm noch eine große Aufgabe bleibt: sich endlich doch noch mit seinem Verrat zu konfrontieren.

Gefördert wird die Auseinandersetzung durch eine Konstellation, die Homann überflüssig breit ausmalt: nicht nur, dass die Gemeinde in unmittelbarer Nachbarschaft zu Beeses Haus eine Unterkunft für Asylbewerber einrichtet, nicht nur, dass ein Krankenhaus im Ort zu einer Tagesstätte für Behinderte umgerüstet wird, dass Beese einen aus Israel angereisten Journalisten kennen lernt - zu allem Überfluss nistet sich auf dem Hof der von Fridtjof einst geliebten und deswegen verschmähten Rixa eine neonazistische Wehrsportgruppe ein, zu deren Mitgliedern ausgerechnet Fridtjofs Neffe Hermann gehört.

Richter und Rächer

Erneut geht es Homann nicht primär darum, die Ursachen rechtsradikalen Denkens und Handelns zu analysieren, sondern von den seelischen Leiden eines buchstäblich Betroffenen zu erzählen. Wie Beese nach all den Jahren zum Nachdenken kommt, das ist ein wenig oberflächlich motiviert, es kommt sehr plötzlich und überraschend für einen so Verstockten und Verkarsteten. Überwältigend ist der Roman hingegen in der Darstellung der Konsequenzen. Denn nachdem er nun mal zur Aufarbeitung seiner Schuld entschlossen ist, gerät Beese zwischen alle Stühle. Mit dem als "Richter, als Rächer" stilisierten jüdischen Autor führt er lange Gespräche über seine Tat, geleitet von der vergeblichen Hoffnung auf Absolution oder Strafe. Stumm erduldet er die Zumutungen seiner fremden Nachbarn, die seine Beete zertreten, ihren Unrat auf seinem Grundstück verbreiten - weder wehrt er sich gegen sie, noch verteidigt er sie gegen die fremdenfeindliche Stimmung im Ort, sondern knüpft lediglich schüchterne Beziehungen zu ein paar Farbigen an, die ihrerseits Außenseiter im Asylantenheim sind. Auch gegenüber der Kampfsportgruppe kann er keine Stellung beziehen, er lässt zu, von ihr vereinnahmt zu werden, wohl wissend, dass er sich auf gefährliches Terrain begibt. Doch gerade darin besteht seine Chance: In den jugendlichen Neonazis erkennt er sich wieder, seinen fehlgeleiteten Idealismus, seine Gefährdung: "Jung sein und einen Hunger nach Großem, nach Unbedingtem haben - schon war er zur Stelle, der ewig lauerte."

"Er" - das ist der Dämon der Zerstörung, den Fridtjof zur Erklärung seines Falls heranzieht. Er bleibt der Zauderer, der Unentschlossene, der keine klare Haltung einnimmt. Überzeugend entfaltet Homann die zwingende Konsequenz jahrzehntelangen Verdrängens für einen Menschen, der endlich um die Wahrheit kämpft. Sich gegen Neonazis zu wehren, gegen die xenophobische, zumindest gleichgültige Stimmung der Mitbürger zu opponieren, ein Held des zivilen Ungehorsams zu werden, damit würde es Homann seinem Helden (und seinen Lesern) zu leicht machen. Er belässt Beese nur einen möglichen Weg: Seine Unentschlossenheit erzwingt entschlossene Reaktionen der anderen. Im wahrsten Sinne des Wortes gezeichnet steht Fridtjof Beese am Ende da, mit einem Brandmal stempeln ihm die Neonazis SS-Runen auf die Haut. Für alle sichtbar steht Beese endlich als der da, der er gewesen ist und der nun begreifen muss, dass "es kein Vergessen und keine Entlassung gab, dass alles erhalten blieb, ein Leben lang". Und dass Täter- und Opferschaft menschlichem Leben inhärent sind: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, bzw. ein "Hunne am Tor".

Ludwig Homann ist ein Autor der Provinz. Wie in all seinen bisherigen Büchern gelingt es ihm auch hier, in wenigen Szenen präzise Bilder ländlich-provinzieller Befindlichkeiten zu zeichnen, eine Melange aus vordergründiger Idylle und latenter Gewalt. Homann ist ein Autor der Außenseiter, Gewalttäter, Gefährdeten, deren psychische Disposition er eindrücklich wie kein zweiter durchleuchten kann. Sich mit dem "Hunnen am Tor" auf die umrissenen Risiken einzulassen, ist allein schon bewundernswert.

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