Welt : Der Kampf um die Knochen

Wolfgang Drechsler

Man kann Cecil Rhodes, dem größten Imperialisten, den Afrika je gesehen hat, vieles vorwerfen. In zeitgenössischen Karikaturen wird der Brite, der vor gut 100 Jahren in Kapstadt an Herzversagen starb, oft so dargestellt wie er sich selber gerne sah: als ein breitbeinig über dem Kontinent stehender Kolonialist - mit einem Fuß in Kairo und dem anderen am Kap der guten Hoffnung.

Schlechten Geschmack kann man Rhodes jedoch nicht bescheinigen. In seinem Testament verfügte er, an dem nach seiner Meinung schönsten Platz der Welt begraben zu werden: in den sanften Hügeln der Matopos im Süden von Simbabwe, das bis zu seiner Unabhängigkeit vor 22 Jahren zum Gedenken an den Erzkolonialisten Rhodesien hieß. Die von Rhodes ausgewählte letzte Ruhestätte liegt unter einer prächtigen Felsnase, die sich über einem Haufen urtümlich geformter Granitbrocken erhebt. Der einzige Hinweis auf das Grab ist eine in den Fels eingelassene Bronzeplatte mit der Aufschrift: "Hier ruhen die sterblichen Überreste von Cecil John Rhodes".

Wenn es nach Andrew Ndlovu, einem Kriegsveteranen aus dem Befreiungskampf der Siebzigerjahre geht, soll sich das alles aber bald ändern. In einem Schreiben an Präsident Robert Mugabe hat er gefordert, die Gebeine von Rhodes zu exhumieren und in dessen britische Heimat zu überführen. "Wir sind nicht länger bereit, das Andenken an den weißen Kolonialisten zu dulden", heißt es in der Petition.

Besonders verärgert ist Ndlovu offenbar darüber, dass Besucher dem Grab von Rhodes weit mehr Aufmerksamkeit schenken als dem von "Kriegskönig" Mzilikazi, dem Gründer der hier ansässigen Volksgruppe der Ndebele und Vater von König Lobengula, dem Rhodes 1889 das Land auf betrügerische Weise abnahm. "Eines Tages werden wir die Hügel von den Überresten des weißen Mannes tilgen", sagt er. "Und wenn die Engländer dann nicht seine Knochen holen, werfen wir sie den Krokodilen vor."

Bei der Minderheitsgruppe der Ndebele, die von Rhodes unterworfen wurden, trifft die Petition von Ndlovu hingegen auf wenig Verständnis. Viele von ihnen sehen in der Kontroverse vielmehr einen Versuch des Mehrheitsstammes der Shona, ihnen neue Vorschriften zu machen und von der katastrophalen Wirtschaftslage abzulenken. Denn für nicht wenige Ndebele ist das Grab von Rhodes eine der letzten Einnahmequellen in einem Land, in dem die Arbeitslosigkeit inzwischen bei fast 70 Prozent liegt und eine Hungersnot droht. Mhizha Ncube, ein Häuptling der Ndebele, der ganz in der Nähe des Grabes lebt, schüttelt bei dem Gedanken an eine Exhumierung deshalb auch nur verärgert den Kopf. "Wir wissen, dass im Namen von Rhodes schlimme Dinge passiert sind. Aber seine Knochen gehören genauso zu diesen Hügeln wie ich und meine Familie" sagt der Häuptling.

Die Idee, Rhodes zu exhumieren, ist nicht neu. Bereits 1970 versuchte eine Gruppe schwarzer Guerilleros ohne Erfolg, seine Gebeine aus dem Granitgrab heraus zu sprengen. Seitdem haben verschiedene Politiker in regelmäßigen Abständen eine Rückführung von Rhodes nach Großbritannien gefordert. Angesichts des von Präsident Mugabe geschürten Rassenhasses ist die Sache diesmal aber ernster als zuvor: Nachdem erst im Dezember eine Statue des britischen Missionars David Livingston schwer beschädigt wurde, wird das Grab von Rhodes deshalb auch nun rund um die Uhr bewacht.

Die Touristen, die an die Grabstätte pilgern, können den neuerlichen Streit schwer verstehen. "Es ist schon merkwürdig" sagt Ola Säll aus Schweden. "Nichts erinnert die Menschen des Landes mehr an ihre blutige Vergangenheit als eben dieses Grab. Die Kriegsveteranen können die Knochen ausgraben und anderswo versenken, aber die Geschichte Simbabwes können sie dadurch nicht auslöschen."

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