Der Kurs der "Costa Concordia" : Viel zu nah an der Insel

Ein Fels vor der Insel Giglio wurde der "Costa Concordia" zum Verhängnis. So weit hätte sich der Kapitän der Küste gar nicht nähern dürfen.

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Es war längst dunkel, als sich die „Costa Concordia“ der Insel Giglio näherte. Im Süden der Felseninsel strahlte ein Leuchtfeuer und in der Hafeneinfahrt blinkte es rot und grün. Weitere Seezeichen gibt es hier nicht. Die Insel ragt steil aus dem Meer. Der Seeboden bricht schon wenige Meter neben dem Hafen auf bis zu hundert Meter Wassertiefe ab. Es wäre also ungefährlich für ein Kreuzfahrtschiff mit 8,2 Meter Tiefgang, an die Insel heranzufahren – wäre da nicht jene Felsenkette südlich des Hafens, die knapp aus dem Wasser ragt. Wie das Kurstracking-System der Website Marine-Traffic zeigt, näherte sich der Kapitän der Insel im spitzen Winkel. Es war nicht geplant, dort zu halten. Möglichst nah an der Insel vorbei zu“fliegen“, das dürfte die Absicht des Kapitäns gewesen sein. Dafür musste er von seinem Westkurs auf einen Nordkurs einschwenken und sich an die Küstenlinie herantasten, sonst hätte er direkt vor Giglio scharf abdrehen müssen. Bei einem Passagierschiff ein störendes Manöver, harte Ruderlagen neigen den Koloss zur Seite. In den Speisesälen wären Gegenstände umgestürzt und die Passagiere hätten sich verletzen können.

Was der Kapitän stattdessen tat, wird erst die Auswertung der Schiffsdaten genau zeigen. Als sicher gilt, dass er einer Felsengruppe zu nahe kam, die sich südlich des Hauptortes von Giglio ins Meer erstreckt und „Le Scole“ genannt wird. Sie ist nachts schwer zu sehen, da sie kein eigenes Leuchtfeuer hat. Auf den Seekarten ist sie – anders als der Kapitän behauptet – allerdings deutlich erkennbar. Nun sind zwei Szenarien möglich: Entweder durchfuhr er mit seinem 38 Meter breiten Koloss eine schmale Furt, die sich zwischen zwei der „Le Scole“-Inseln auftut, was waghalsig gewesen wäre. Oder er verschätzte sich, als er von Südosten kommend nach Norden abdrehte. Das Heck der Costa Concordia wird in diesem Moment weit in die falsche Richtung ausgeschwenkt sein, vielleicht zu weit.

Auch wenn viele Gäste von der Grundberührung nichts mitbekommen haben, dürfte der Wassereinbruch massiv gewesen sein. Deutlich sichtbar klafft ein etwa 30 Meter langer Schlitz im Schiffsrumpf, aufgerissen von einem Felsbrocken, dessen Spitze noch immer im Metall steckt. Dass der Brocken sich so tief in den Rumpf gebohrt hat, deutet darauf hin, dass das Schiff sich in einer Drehbewegung befand, als es mit dem Hindernis kollidierte. Statt von dem Felsen wieder abzurutschen, schob es sich immer weiter auf ihn hinauf, bis er abgeschert wurde.

Durch die Menge des einströmenden Wassers geriet das Schiff aus dem Gleichgewicht. Es wäre nun anzunehmen gewesen, dass das Schiff zur aufgerissenen Seite gekippt wäre. Doch als der Kapitän das Schiff kehrtmachen ließ, um auf den Hafen zuzusteuern, schwappte es im Rumpf vom Leck weg und zwang das Schiff auf die andere Seite.

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