Welt : Der lange Weg zurück ins Leben

Experten sagen: Wer das durchlitten hat, benötigt Zeit, um es zu verarbeiten und neue Beziehungen zu knüpfen

Hartmut Wewetzer

Am Schluss von acht Jahren Geiselhaft soll der Kidnapper Wolfgang Priklopil sein Opfer sogar zum Einkaufen mitgenommen haben. Warum floh die junge Frau nicht, warum rief sie nicht um Hilfe? War Natascha Kampusch ihrem Entführer, den sie „Gebieter“ nennen musste, gar schon freiwillig gefügig?

Malek Bajbouj, Psychiater an der Berliner Uniklinik Charité, bezweifelt, dass die Entführte aus freien Stücken handelte. „Sie wurde immer wieder bedroht und eingeschüchtert, das wird sie an der Flucht gehindert haben“, sagte Bajbouj dem Tagesspiegel. Trotzdem fällt auch im Zusammenhang mit der Entführung von Natascha Kampusch der Ausdruck Stockholm-Syndrom, benannt nach der mehrtägigen Geiselnahme in einer Bank, an dessen Ende die Opfer mit dem Täter sympathisierten. Es ist wie mit dem Kerkermeister, der die Fesseln etwas lockert und dadurch menschlicher erscheint.

Vielleicht entwickelte das Mädchen mit den Jahren tatsächlich ein gewisses Wohlwollen gegenüber ihrem Peiniger. Musste es entwickeln, weil ihr nichts anderes übrig blieb. Sicher ist, dass sie eine enge Beziehung zu Priklopil hatte, weil sie ihm völlig ausgeliefert war. „Er war ihr Tor zur Außenwelt“, sagt der Psychiater Bajbouj. Das Verhältnis zu ihrem Entführer sei wahrscheinlich „nicht nur von Angst, von einer sehr großen Ungleichheit und auch von sexuellem Missbrauch geprägt, sondern auch von Sympathie“, sagte der Trauma-Experte Georg Pieper „Spiegel-Online“.

Natascha Kampusch war in einem Verlies gefangen, in dem es weder Tag noch Nacht, weder Sommer noch Winter, weder Eltern noch Freunde gab. Die völlige Isolation ähnelt der sensorischen Deprivation. Das ist eine Form der Folter, bei der dem Opfer Sinneseindrücke etwa durch Augen, Ohren und Haut entzogen werden. Sie kann einen Menschen an den Rand eines seelischen Zusammenbruchs bringen. Das Mädchen musste sie acht Jahre erdulden. Ausnahme wurde Normalität.

Experten sind sich darin einig, dass die junge Frau zunächst nur behutsam mit der Außenwelt in Kontakt kommen sollte. „Dass sie vor den Fernsehkameras mit einer Decke abgeschirmt wurde, war sehr gut“, sagt Bajbouj. Aber es dürfte angesichts des gewaltigen Medieninteresses schwierig sein, Natascha Kampusch weiter zu schützen.

„Alles wird zunächst sehr fremd für sie sein“, sagt Mechthild Wenk-Ansohn, Ärztin und Therapeutin am Berliner Zentrum für Folteropfer. „Sie braucht jetzt Menschen, die für sie da sind, eine gute therapeutische Betreuung und eine menschliche Umgebung.“ Es sei gut, dass beide Eltern ihr helfen könnten.

Menschen, die ein Verbrechen überlebten, sind oft überfordert. Sie haben Schlafstörungen, die Erlebnisse werden wieder und wieder durchlebt, sie werden depressiv oder leiden unter Angstzuständen. Psychologen sprechen von einer posttraumatischen Belastungsstörung. Sie tritt häufiger bei Frauen auf, nach Gewalt oder dem völligen Kontrollverlust. All das trifft bei Natascha zu. Zudem hat sie in der Pubertät den Umgang mit Gleichaltrigen nicht erlernen können.

Das Risiko, dass die junge Frau auch weiterhin unter den Folgen der Entführung leiden wird, ist groß. Zugleich aber gibt es Beispiele dafür, wie Menschen auch tiefe Traumata meistern können. „Die Psyche findet immer wieder Möglichkeiten, um mit Dramen umzugehen“, sagt der Psychologe Pieper.

Es wird seine Zeit brauchen, bis die seelischen Wunden verheilt sind. Den größten Schritt in ihre Zukunft aber hat Natascha schon gemacht: Sie entkam ihrem Kidnapper.

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