Welt : Der Laufsteg als Party-Zone

Anne Petersen

Während die Modebegeisterten die neuesten Frühjahrskollektionen feiern, tummelt sich die Prominenz im Londoner NachtlebenAnne Petersen

Die Tage werden schon kürzer, aber in London richtet sich der Blick der Modebegeisterten bereits auf das Frühjahr 2000. Tagsüber pilgern Einkäufer, Modestudenten und Mode-Journalisten von Laufsteg zu Laufsteg und feiern die neuen Kollektionen internationaler Designer. Abends feiern sie sich selbst.

"Mich interessieren eigentlich nur die Parties", sagt Schuhdesigner Patrick Cox, dessen Vorliebe für das Londoner Nachtleben bekannt ist. Den abendlichen Partyauftritten von Cherie Blair, Alexander McQueen, der seine Kollektion in diesem Jahr in New York zeigte, Mick Jaggers Tochter Jade, dem schwangeren Ex-Modell Helena Christensen oder Spice-Girl Victoria Adams mit Ehemann David Beckham wird mindestens genau so viel Aufmerksamkeit geschenkt wie Laufstegauftritten von Naomi Campbell oder Kate Moss.

Die beiden Top-Models liefen nicht nur für den Londoner Designer Julian McDonald über den Laufsteg, sondern auch für Robert Cary-Williams, der ebenfalls zur Generation neuer britischer Designer gezählt wird. Der Newcomer zeigte viel farbiges Leder und durchsichtiges Nylon, die Mannequins zeigten viel Haut. Wohlgeformte Körper waren bei ultrakurzen Lederröcken, die eher an verbreiterte Gürtel erinnerten, unbedingte Voraussetzung.

Aufsehen erregte Cary-Williams mit seinen Abendkleidern, an die er beleuchtete Blumen gehängt hatte und die mit Spiegelscherben beklebt waren, die an natürliche Wurzelstrukturen erinnerten.

Viel beachtet wurde auch die Schau des Deutschen Markus Lupfer. Der 27-jährige ehemalige Assistent des Duos "Clements Ribeiro" wird als ein Geheimtipp gehandelt, von dem man hofft, er möge Londons angeschlagenes Image als ewige Talentquelle wieder herstellen. Er präsentierte eine umfangreiche Kollektion in Leder und Kaschmir, die an die 80er erinnerte, in einer breiten Farbpalette von leuchtendem Gelb und Orange bis zu natürlichen Senftönen und neutralem Grau.

Dass Mode in London vor allem Spaß machen soll, bewies die selbstironische Schau des englischen Labels "Red or Dead" von Designer Wayne Hemingway. Bevor die Modelle auf den Laufsteg kamen, wurden die Gesichter des Publikums in der ersten Reihe auf einer großen Projektionswand gezeigt, dazu hörte man Fragen wie "Ist das nicht die Redakteurin der Vogue?" oder "Hast Du die Elle-Redakteurin gesehen?"

Die Eröffnung der Schau durch Busenwunder Samantha Fox war genau so wenig ernst gemeint wie der Abschluss, bei dem ein männliches Modell in Unterhose mit Handy und Sonnenbrille die Zuschauer hinaus komplementierte. Dazwischen flirteten gut gelaunte Models mit dem Publikum und zeigten Kleider in bunten afrikanische Mustern, Röcke aus Jute und Batikhemden. Ein Kleid bestand vollkommen aus Holzkugeln und erinnerte an Massageauflagen für Autositze.

Mit einer sexy Kollektion meldete sich auch Pam Hogg zurück, die sich vor sieben Jahren aus dem Modegeschäft zurückgezogen hatte. Zu dröhnender Rockmusik von Marilyn Manson und Boy George zeigten anzügliche Models vor johlendem Publikum weiße und schwarze knielange Lederröcke, knallenge Anzüge und Corsagen sowie Oberteile und Kleider mit Eisennieten. Die Kollektion erinnerte allerdings eher an den Punk und Gruftie-Look der 80er als an eine Kollektion für das Jahr 2000. Die Neo-80er-Welle gilt bei vielen eigentlich schon als veraltet.

Der britische Designer Patrick Cox nutzte die Londoner Modewoche, um seine Millennium-Kollektion vorzustellen: Alle Kleidungsstücke können auf Portemonnaiegröße in eine integrierte Tasche gefaltet werden und sind multifunktional. Röcke sind höhenverstellbar, Kleider lassen sich von zwei Seiten tragen, Hosen lassen sich kurz oder lang tragen. Auf den Laufsteg schickt Cox seine Kollektion aber seit Jahren in Paris: "Englische Mode-Designer sind Kinder. Paris ist wichtiger, aber London ist natürlich witziger".

Nachdem er sich mit seinen Untergangsprophezeiungen zur Sonnenfinsternis blamierte, hat sich der Modemacher Paco Rabanne öffentlich entschuldigt. "Ich bedauere das und werde es immer bedauern", sagte der 65-jährige Modemacher in einem Interview mit dem französischen Magazin "Paris Match".

"Ich habe selbst ganz fest daran geglaubt und wollte weder lügen noch die Leute manipulieren. Ich war sehr naiv, um nicht zu sagen zu naiv."

Der gebürtige Spanier hatte prophezeit, Paris und drei Städte im südwestfranzösischen Département Gers würden während der totalen Sonnenfinsternis am 11. August von Trümmern der russischen Raumstation Mir getroffen und in Flammen aufgehen. Dabei hatte er sich auf Weissagungen des französischen Astrologen Nostradamus aus dem 16. Jahrhundert berufen.

Nachdem die Sonnenfinsternis glimpflich verlaufen war, war der Modemacher zunächst untergetaucht. Das Interview in "Paris Match" enthüllte jetzt jedoch seinen derzeitigen Aufenthaltsort: den See von Annecy im ostfranzösischen Savoyen.

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