Welt : Der Mann, der niemals Brötchen holt

Chris Noth, der „Mr. Big“ aus „Sex and the City“, hat eine Bar in New York City. Dort lauern jeden Freitag die Frauen. Warum nur?

hatice Akyün[New York]

Es sind nur noch ein paar Schritte, bis in seine Bar. Es geht vorbei am „Flatiron Building“, jenem Gebäude, mit dem die Ära der Wolkenkratzer in New York begann und das bis 1909 das größte Bauwerk der Welt war. „Flatiron“ bedeutet Bügeleisen. Und ein Bügeleisen ist wohl das Letzte , woran wir denken, wenn wir Mr. Big sehen. Mr. Big!

Christopher David Noth, geboren am 13. November 1954 in Wisconsin, Sohn einer allein erziehenden TV-Journalistin, 1 Meter 90 groß, ungeheuer erotisch, unverschämt erfolgreich, unerhört männlich, unwiderstehlich charmant. Als Mr. Big ist er der Sex von „Sex and the City“, Gentleman, Traummann, Mysterium. Wir sind gerade auf dem Weg zu ihm, in seine Bar „The Cutting Room“, 19 West, 24th Street, New York City, die der Schauspieler vor einigen Jahren mit Freunden eröffnete. Es ist eine Bar mit blutroten, plüschigen Sesseln, schweren Ledersofas, Mahagonitheke und mitternachtsblauer Decke. Musik säuselt aus den Boxen, Crispy Chicken und Grilled NY Strip Steak steht auf der Speisekarte und der Lieblingscocktail der weiblichen Gäste ist nicht etwa das Lieblingsgetränk von Carrie und den anderen, der Metropolitan, sondern der Cocktail Foreplay. Zu deutsch: Vorspiel.

Heute ist Freitag und in der Stadt wird erzählt, dass er freitags oft herkomme, sich in einen Sessel fallen lasse, gepflegt straight Bourbon trinke und eine Zigarre rauche. Dass er immer noch auf der Suche nach seiner Traumfrau sei, die bloß nicht wie die Serien-Carrie sein solle. Es wird viel erzählt in New York. Zum Beispiel auch, dass Mr. Big alias Chris Noth schwul sei. Aufhören!

So sitzen drei Frauen an der gebeizten Bar und warten. Sie haben gerade die mehrstündige „Sex and the City“-Bustour hinter sich, in der berühmten Magnolia-Bakery an der Bleeker Street Cupcakes gegessen, ein paar kitschige Souvenirs aus der Boutique von Serien-Designerin Patricia Field gekauft. Jetzt warten sie in ihren Manolo-Blahnik-Stilettos auf Chris Noth. Natürlich ist Mr. Big im Preis nicht inbegriffen, natürlich hatte der Tourguide vorher gesagt, die Chancen stünden 99 Prozent, ihn hier zu sehen – und natürlich ist er an diesem Freitag nicht da.

Und so bleibt Zeit darüber nachzudenken, warum Frauen diesen Mr. Big so sexy finden. Chris Noth sagte einmal, dass er so rein gar nichts mit diesem Mr. Big gemein habe. Ständig werde er von verärgerten Frauen auf der Straße angeraunzt, warum er so beziehungsgestört sei, warum so ein gemeiner Idiot. Doch die Frage lautet doch: Warum sind Frauen diesem Mann verfallen, trotz seiner offensichtlichen Bindungsunfähigkeit? Weil es Frauen gibt, die einen echten Mann haben wollen, und nicht einen, der morgens die Brötchen holt. Hat Mr. Big schon mal Brötchen geholt? Nein. Eines ist sicher: Das Zusammenleben mit diesem Mann wäre schrecklich. Kommt wann er will, geht wann er will. Lässt sich wochenlang nicht blicken, um dann mit einer Flasche Champagner vor der Tür zu stehen. Und sobald er das Wort „Beziehung“ hört, haut er wieder ab.

Es ist das Unkalkulierbare, die Herausforderung, die theoretische Möglichkeit, diesen Mann zu bekommen. Das ist das Spannende. Wild, frei und unabhängig, ist er der Platzhalter für alle enttäuschten Beziehungen. Der kritische Vater, den wir überzeugen wollen, der Grund, sich zu bemühen, sich liebenswert, schön und unwiderstehlich, wie eine Göttin zu fühlen.

Nach 94 Folgen Liebe, Sex und Drama kriegn sie sich doch. Mr. Big rettet Carrie aus den Fängen eines 15 Zentimeter kleineren Liebhabers, holt sie aus der unromantischen Stadt Paris zurück nach New York und macht ihr einen schwulstigen Heiratsantrag. Brötchenholer!

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