Welt : Der Mann hinter ihr

Heute Abend stellt sich Natascha Kampusch einem Fernsehinterview – ihr Medienberater Dietmar Ecker hat alles eingefädelt

Markus Huber[Wien]

Für Dietmar Ecker ist es seine zweite Karriere. Lange hatte der Image-Spezialist in der Politik gearbeitet, mit großem Erfolg: Er hat in den 90er Jahren als Pressesprecher den damaligen sozialdemokratischen Finanzminister zum beliebtesten Politiker des Landes aufgebaut, der es seltsamerweise zustande brachte, ein gutes Image zu haben und trotzdem weiter als Intellektueller zu gelten. Danach hat er als Kommunikationschef der damals noch regierenden SPÖ geholfen. Ecker versuchte der schon lange regierenden Partei das Bild einer modernen, aufgeschlossenen Sozialdemokratie zu verpassen.

1998 wechselte er die Seiten und gründete seine eigene PR- und Lobby-Agentur. Als im März 1998 die damals zehnjährige Natascha Kampusch auf ihrem Schulweg verschwand, war das für Ecker wie für viele andere Österreicher eine tragische Meldung. Mehr nicht. Heute ist der 42-Jährige Natascha Kampuschs Medienberater. Mit ihr und für sie hat er eine Strategie entwickelt, wie sie nun sowohl die öffentlichen als auch ihre eigenen Bedürfnisse am besten befriedigen kann, und was dabei herausgekommen ist, wird am Mittwoch in Österreich und auch überall sonst auf der Welt zu beobachten sein. Ab 18 Uhr werden auf den Wiener Straßen die beiden auflagenstärksten Blätter des Landes, die „Kronen Zeitung“ und „News“ erhältlich sein und Exklusivinterviews samt Fotos mit Natascha Kampusch abdrucken, die am Dienstag geführt wurden. Ebenfalls um 18 Uhr wird dann im ORF-Boulevard-Magazin „Willkommen Österreich“ der ORF-Reporter Christof Feuerstein befragt werden, der ebenfalls am Dienstag Kampusch zwei Stunden für ein Fernsehinterview befragen durfte. Um 19 Uhr 30, in der wichtigsten Nachrichtensendung des Landes, werden dann die ersten Auszüge aus dem Interview zu sehen sein, das ganze Interview gibt es im ORF dann ab 20 Uhr 15. Ab 21 Uhr 15 läuft es dann auch auf RTL und in Fernsehstationen auf der ganzen Welt.

Dietmar Ecker sagt, dass er in den vergangenen Tagen ziemlich viel abwägen musste, und dass er im Nachhinein betrachtet den Auftrag, Kampusch in Medienfragen zu beraten, vielleicht nicht hätte annehmen sollen. Geld, so sagt er, bekommt er nicht. Er sagt, er habe viele Stunden mit ihr gesprochen, und sie hätte dabei ziemlich gespalten gewirkt: mal gefasst, selbstbewusst, stark, dann wieder äußerst unsicher. Warum also dann die Interviews? „Natascha wollte es“, sagte Ecker, überdies haben Natascha und ihre Berater die totale Kontrolle über das publizierte Material. Vor Druck und Ausstrahlung sehen sie die Bänder und die Druckseiten, sie dürfen alles autorisieren, ohne ihre Zustimmung wird nichts veröffentlicht. Sogar die Fragen, die gestellt werden, wurden vorher dem Team präsentiert und von den Betreuern ausgewählt. Neun von zehn Österreichern, das ergab eine Telefonumfrage am Montag, wollen sich am Mittwoch das Kampusch-Interview im ORF ansehen, in Deutschland wird die Quote für RTL wohl ähnlich hoch werden.

Obwohl Ecker in den Verträgen mit Print- und TV-Medien festhalten hat lassen, dass Natascha, wenn sie es wünscht, unkenntlich gemacht werden muss, wird sie möglicherweise zu erkennen sein. Bei der Aufzeichnung des Interviews ist sie „ohne Sonnenbrille oder sonstige Verkleidung“ erschienen, sagte ein ORF-Sprecher. Kampusch habe aber noch nicht darüber entschieden, ob ihr Gesicht bei der Ausstrahlung des Interviews technisch verfremdet wird. Was hier die richtige Strategie ist, weiß auch Ecker selbst noch nicht genau. Ecker: „Zeigen wir sie nicht, dann kann man davon ausgehen, dass ihr in den nächsten Wochen Fotografen nachlaufen und ihr auflauern werden. Zeigen wir sie, dann kann man davon ausgehen, dass sie auf der Straße von Passanten erkannt und angesprochen wird.“

Was immer ihr Auftritt für sie an Nachteilen bringen wird – es bleibt das Geld. Durch die Interviews, so Ecker, wird Natascha finanzielle Rahmenbedingungen erhalten, die ihr ein weiteres Leben ermöglichen. Die beiden Printprodukte haben Kampusch für die Exklusivrechte nicht nur ein Handgeld zugesichert, sondern auch einen Job sowie eine Wohnung. Der ORF zahlte für die Fernsehrechte nichts, dafür kommt die internationale Vermarktung des Interviews allein Natascha Kampusch zugute – RTL soll für die Deutschlandrechte 200 000 Euro zugesagt haben. Viele Sender in der Welt sollen die Rechte erworben haben, angeblich sogar Al Dschasira.

RTL, 21 Uhr 15

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