Welt : Der Mann mit dem Messer

Ein Schüler erzählt, wie er im Bus mit anderen Kindern in die Gewalt eines Bewaffneten geriet

Mareike Aden[Ennepetal]

Als die kleineren Kinder anfingen zu schreien, durften sie raus. Marvin Schulte, 16 Jahre alter Schüler der Realschule von Ennepetal in Nordrhein-Westfalen schildert, wie ein Iraner mit zwei Messern in einem Bus Schulkinder in seine Gewalt brachte. Er saß ebenfalls in dem Bus und war unter jenen Kindern und Jugendlichen, die der Täter zusammenband, damit sie nicht flüchten konnten.

„Er war ganz ruhig, er sagte uns, wir müssten nichts befürchten, er würde uns behandeln wie seine eigenen Kinder“, erzählt Marvin dem Tagesspiegel später. Die schreienden Kinder habe er freigelassen, mit den anderen bewegte er sich auf ein Haus zu und verschanzte sich dort in einem Keller. Auf dem Weg zum Haus gelang es Marvin, sich vom Gartenband, mit dem er an die anderen festgebunden war, loszureißen und wegzurennen.

Gegen 18 Uhr stürmte eine Sondereinheit der Polizei das Haus und befreite die Geiseln. Ein Mädchen und der Täter erlitten dabei leichte Verletzungen.

Wie Marvin und seine Mutter, Renate Schulte, sagten, handelte es sich bei dem Täter um einen Iraner, der den Kindern gesagt habe, dass er später etwas verlesen wolle. Er wolle sich an die Bundesregierung wenden und offenbar erreichen, dass seine Familie nach Deutschland kommen dürfe.

Das Haus, in dem sich der 50-jährige Mann mit vier Mädchen zwischen elf und sechzehn Jahren verschanzte, liegt in einem guten Stadtviertel im Norden des Ortsteils Voerde in Ennepetal. Wie Anwohner erzählen, war ihnen der Täter vom Sehen her bekannt. Er wurde oft beim Spazierengehen gesehen. Er soll in einem nahe gelegenen Asylbewerberheim wohnen, sagten Nachbarinnen übereinstimmend. Marvin erzählte, eine Mitschülerin wolle den Mann am Vortag bereits in dem Bus gesehen haben. Offenbar habe er die Lage ausgespäht.

Das Haus, in dem sich der Geiselnehmer verbarrikadierte, wurde von der Polizei weiträumig abgesperrt. Forderungen stellte der Täter nach Angaben von Polizeisprecherin Sandra Zwick zunächst nicht, jedenfalls nicht gegenüber der Polizei. Den Wunsch, seine Familie zusammenzuführen, äußerte er nur gegenüber den Kindern und Jugendlichen im Bus. Der erste Alarm war um 12 Uhr 55 bei der Polizei eingegangen. Nachdem der Bus am Rande Ennepetals gehalten hatte, verließ er mit zehn Kindern und dem Fahrer das Fahrzeug. Als eine Frau die Tür ihres Einfamilienhauses öffnen wollte, stieß der Geiselnehmer sie zur Seite und drang mit vier Geiseln in das Gebäude ein.

Die Geiselnahme hätte auch eine dramatische Wendung nehmen können, sagte Kriminaldirektor Ulrich Kuhne am Abend. Im Keller, in dem sich der Täter verschanzt hatte, befand sich ein unverschlossener Waffenschrank. „Er hätte sich ohne weiteres Zugang zu Langfeuerwaffen und Faustfeuerwaffen verschaffen können. Die Gelegenheit hat er Gott sei Dank nicht genutzt“, sagte Kuhne.

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