Welt : Der Mensch in der Maus

Chinesische Forscher züchten menschliches Gewebe in Tieren – das Ziel: Organersatz

Harald Maass[Peking]

Chinesische Gentechniker haben nach eigenen Angaben erstmals menschliches Gewebe in einer Maus gezüchtet. Dabei seien menschliche Nerven, Knochen und Muskelgewebe in dem Tier gewuchert, erklärte Professor Huang Shaoliang von der renommierten Zhongshan Medizin-Universität in Kanton am Freitag dem Tagesspiegel. Der mit staatlichen Mitteln finanzierte Versuch wurde bisher nicht publiziert und gilt damit wissenschaftlich als nicht nachgewiesen. Ausländische Experten halten das Experiment jedoch für technisch machbar und kritisieren den „rechtlichen Graubereich“ in der Gentechnikforschung in China.

Professor Huang und sein Team verwendeten für den Versuch überschüssige Eizellen, die Frauen nach einer Fruchtbarkeitsbehandlung dem Krankenhaus spendeten. Die befruchteten Zellen seien in das Stadium einer „Blastozyste“ weitergezüchtet worden, bei dem der Embryo aus einem Ball aus 200 Zellen besteht, berichtete Huang. Aus dem Embryo entnahmen die Forscher anschließend die Stammzellen, die „Urzellen“, aus denen normalerweise die verschiedenen Zellen des Körpers – Haut-, Leber–, Hirnzellen – entstehen. Die Stammzellen seien anschließend Mäusen mit einem defekten Immunsystem unter die Haut gespritzt worden. So enstand aus den Stammzellen menschliches Gewebe in der Maus.

Nach Angaben von Huang wuchs den Mäusen nach zehn Tagen beulenartige Knoten. Nach 32 Tagen hätten die Forscher die kartoffelgroßen Beulen aufgeschnitten und dort unregelmäßige Wucherungen von menschlichen Knorpel, Nervengefäßen, Muskeln sowie Knochen entdeckt. Das Fernziel sei, menschliches Gewebe und Organen in Tieren zu züchten. „Wir wollen die Versuche in die klinische Praxis übertragen“, sagte Huang. Seit 1994 forsche er daran, menschliche Stammzellen außerhalb des menschlichen Körpers zu transplantieren. 1998 sei dies zum ersten Mal erfolgreich gelungen.

Huang verteidigte die Versuche in ethischer Hinsicht: „Wissenschaftler in der ganzen Welt würden das Gleiche machen.“ Hierzulande ist es nicht erlaubt, Embryonen zu Forschungszwecken zu vernichten. Lediglich die Forschung an bereits vorhandenen Stammzellen ist erlaubt.

Chinesische Wissenschaftler haben in der Vergangenheit mehrfach mit umstrittenen Genversuchen für Aufmerksamkeit gesorgt. Vor einem Jahr hatte ein Kollege von Huang an der Zhongshan Medizin-Universität, Professor Chen Xigu, erstmals das Erbgut eines Menschen mit dem eines Kaninchens gekreuzt. Nach Protesten aus dem Ausland und von chinesischen Wissenschaftlern, die Chens Versuche als unethisch kritisierten, mussten die Experimente einstellt werden.

Im Gegensatz zum Westen ist die chinesische Genforschung bisher nicht durch Gesetzte geregelt. „Chinas Genforscher arbeiten in einem rechtlichen Graubereich“, kritisiert Ole Döring vom Institut für Asienkunde in Hamburg. Seit vergangenem Jahr gebe es allerdings zwei Gesetzesentwürfe, mit denen ethische Grenzen für die Forschung mit menschlichen Erbgut festgelegt werden sollen. Chinas Regierung sieht Gentechnik als ein Schlüsseltechnologie und fördert die Forschung mit großen Summen. Peking erhofft sich vor allem Fortschritte in der Landwirtschaft. Mehr als 50 genveränderte Pflanzen – darunter Baumwolle, Weizen und Reis – werden auf Chinas Feldern angebaut.

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