Welt : Der Musikator

Ted Nugent kann Gitarre spielen. Und schießen. Und Sprüche klopfen. Damit will er Gouverneur von Michigan werden

Christoph von Marschall[Washington]

In Deutschland gibt es kein Beispiel für diese Karriere, in Amerika ist sie inzwischen fest etabliert: vom Showstar zum Spitzenpolitiker. Schauspieler Clint Eastwood wurde 1986 Bürgermeister von Carmel. Catcher- und Wrestling-Veteran Jesse Ventura 1998 Gouverneur von Minnesota, Terminator Arnold Schwarzenegger Regierungschef des bevölkerungsreichsten US-Staats Kalifornien. Vor ihm hatte es Ronald Reagan, als Schauspieler eher mittelmäßig, gar zum US-Präsidenten geschafft – und in der Rolle, alles in allem, geglänzt. Nun hat der 57-jährige Ex-Rocker und Gitarrenvirtuose der 70er Jahre, Ted Nugent, seinen Anspruch angemeldet, Gouverneur von Michigan zu werden. Ausgerechnet Ted Nugent, der blutrünstige Jäger, Waffennarr und Bürgerschreck, den seine Fans nur „the Nuge“ nennen – was verdächtig ähnlich klingt wie „the nuke“: die Atombombe. Für eine Fernsehshow lässt der Mann, der am liebsten mit Pfeil und Bogen auf die Jagd geht, sich schon mal filmen, wie er erlegtes Wild aufbricht und eine blutende Leber herausholt. Präsident Bushs Krieg gegen den Terror findet er gut, würde ihn nur im Zweifel gerne rechts überholen. „Die ernsten Probleme der Welt“, sagt der Anhänger der National Rifle Association (NRA), der Waffenlobby, „lassen sich nicht durch Verhandlungen lösen.“ Seine Rezept für Sicherheit und Frieden? „Nagasaki und Hiroshima. Entweder ihr seid auf unserer Seite, oder wir schmelzen euch ein.“

Das klingt für die meisten aufgeklärten Menschen abschreckend, auch in den USA. Was also ist das politische Kalkül dahinter? Wrestling-Legende Jesse Ventura, weltberühmt als 1 Meter 93 großer, 118 Kilo schwerer Grobian mit strohblond gefärbtem wirrem Haar und eingeöltem Körper, hat es vor ein paar Jahren auf die simple Formel gebracht: „Wenn ein Berühmter antritt, muss man ihn nicht erst bekannt machen.“ Das spart Geld und sichert Vorteile gegen Konkurrenten. Politisch war Ventura das Gegenteil von Nugent. Er warb mit dem Charme des liberalen, parteilosen Außenseiters, war gegen die Todesstrafe und für legale Abtreibung. Überschüssige Steuereinnahmen – nach seiner Wahl 1998 war Wirtschaftswunderzeit – gab er per Scheck an die Bedürftigen zurück. Ted Nugent präsentiert sich ganz als gewaltbereiter Naturbursche, der weder raucht noch trinkt. Im „New York Times Style Magazine“ lässt er Empfehlungen aus seinem Jägerkochbuch „Kill it & grill it“ nachdrucken. Die Pirsch verklärt er als Einklang mit der Natur: „Wild zu schießen ist das perfekte Erlebnis.“ Jäger, Fischer und Trapper seien „die wahren Umweltschützer“. Allen Menschen empfiehlt er, auf diesem Weg „Kontakt zu finden mit dem, was sie essen“. Was davon ist gezielte Provokation, um Aufmerksamkeit zu erregen, was ernst gemeint? Teds Bruder Jeff Nugent, ein ehemaliger Revlon-Manager, kann es selbst nicht sagen. Er habe es aufgegeben, Ted zu beeinflussen. „Man kann einem Tiger seine Streifen nicht nehmen.“ Aber er ist überzeugt, wenn Ted sich nur 20 Prozent zurücknehme, habe er bessere Wahlchancen – und müsse sich dennoch nicht untreu werden. „Michigan braucht mich dringend. Die Zuhälter, Huren und Sozialhilfegören müssen Bekanntschaft mit meiner Brechstange machen“, begründete Ted Nugent seinen Machtanspruch gegenüber der „New York Times“ – und behauptete, er habe die Unterstützung von 99 Prozent des Establishments, unter Berufung auf „Engler, Pataki, Huckabee, Perry“, alles frühere oder aktuelle republikanische Gouverneure. Doch dann zog Nugent halb zurück: Wahrscheinlich werde er 2010 und nicht 2006 antreten, „um mich und meine Familie besser zu wappnen“. Die Wahl einer Film- oder Showgröße ist nur die halbe Miete. Weder Clint Eastwood noch Jesse Ventura wurden im Amt bestätigt. Das gelang nur Ronald Reagan. Aber der hat, das würden zumindest US-Republikaner so sehen, den Kommunismus und die Berliner Mauer zum Einsturz gebracht.

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