Welt : Der Mutmacher

Von WM-Stadt zu WM-Stadt: Ein Arbeitsloser wandert durch Deutschland, um Fußballfans anzuspornen

Stefan Jakobs

Berlin - Basti hat sich verliebt. In Deutschland. Kennen gelernt hat er es seit November, als er die Sticheleien seiner arbeitenden Freunde – „Sitz nicht immer nur vor der Glotze, sondern beweg dich endlich!“ – nicht länger anhören wollte und zu einer Deutschlandreise aufbrach: Der arbeitslose Koch Sebastian Schweppe aus Hamburg, 29 Jahre alt, packte Rucksack, Zelt und Isomatte und zog los. Erst wollte er nur an sich selbst glauben, aber weil dieses Motto ein bisschen klein war für knapp 5000 Kilometer, erweiterte er es um den Glauben daran, dass Deutschland Fußball-Weltmeister wird. Dass er das mit Unterschriftensammlungen auf den jeweiligen WM-Fahnen der zwölf Spielorte dokumentieren könnte, ist ihm erst im Laufe der Reise eingefallen. Deshalb kehrt er jetzt in manche Stadt nochmals zurück – am Freitag war er in Berlin.

Bei seinem ersten Besuch im November stand er allein bei Schneeregen unter der Weltzeituhr. Das Gespräch mit dem Tagesspiegel war sein viertes Interview. Jetzt ist er bei Auftritt Nummer 118. Er trägt ein Yahoo-Basecap, weil das Internetunternehmen für sein Online-Tagebuch geworben und ihm nicht nur Tickets fürs Eröffnungsspiel in München, sondern auch ein Fotohandy für Selbstporträts von unterwegs geschenkt hat. Ein paar Meter weiter wartet das ZDF auf ihn, und wild zelten muss er auch nicht mehr, weil ihm über seine Internetseite ständig Leute ein Dach über dem Kopf anbieten.

Mehr Sponsoren hat Basti nach eigener Aussage nicht, denn „Glauben ist für mich nicht sponserbar“. Seine Hamburger Freunde hätten ihm jeweils die Adressen der Regionalzeitungen durchgegeben, so dass er einfach in den Redaktionen angeklopft habe und im Laufe der Tour prominent geworden sei, „ohne dass ich in irgendwelchen Kaufhäusern Bänder durchschneiden musste oder so“. Es gab nur ein paar Schlüsselereignisse, die ihn bekannter gemacht haben – zum Beispiel sein Treffen mit Pele bei der WM-Auslosung in Leipzig. Es gibt ein Foto davon, auf dem Basti den legendären Fußballer im Arm hält wie einen großen Stoffbären. Pele sieht etwas ängstlich aus auf dem Bild.

Aber vor Basti muss niemand Angst haben. Er habe noch nicht mal Leute anbetteln müssen während seiner Tour, berichtet er. Etwa drei Euro am Tag, gewonnen zumeist aus aufgelesenen Pfandflaschen, hätten gereicht. Manchmal hat er bei der Stadtmission gegessen, manchmal hat er nach Gesprächen sogar eine Einladung bekommen. Basti ist einer, der gar nicht anders kann als freundlich. Seine Sicht aufs Leben zeigt sich schon in seiner Wetterbilanz: „Ich hatte ja nur acht Regentage auf der ganzen Reise“, sagt er. Den Zusammenhang mit den drei Monaten Dauerfrost erwähnt er nicht. Findet er auch nicht so wichtig. Sein Schlafsack reicht bis minus 21 Grad, und kälter war es nie.

Und seine Begegnungen lassen ihn schwärmen: „Diese Herzenswärme, diese Gastfreundschaft …“ Die Deutschen seien gar nicht so stoffelig und von Selbstzweifeln angenagt wie oft behauptet. „Die Leute haben Lust auf gute Nachrichten“, sagt Basti, der ja selbst so was wie eine gute Nachricht ist. Auch im Osten, den er nie zuvor besucht hat, lebten keine eigenbrötlerischen Jammerlappen, sondern freundliche Menschen, „von deren Zusammenhalt wir Westler uns eine Scheibe abschneiden können“.

Bleibt die Frage, ob Deutschland Weltmeister werden kann. „Ja, klar!“, sagt Basti, der gerade mit dem Fußball-Bund über die Übergabe seiner Fahnen an die Nationalmannschaft verhandelt. Gewinnen sei zwar schwerer, wenn die Fangemeinde seit Monaten nörgle. Aber wenn sie endlich dran zu glauben beginne, werde es schon werden. Falls es doch schief geht, hat es zumindest nicht an Basti gelegen.

Tagebuch und Mission im Internet:

www.ichglaubdran.de

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