• Der nach dem Londoner Zugunglück ausgebrochene Brand erschwert die Such- und Aufräumarbeiten

Welt : Der nach dem Londoner Zugunglück ausgebrochene Brand erschwert die Such- und Aufräumarbeiten

Martin Pütter

Manche Waggons drohen zu einem Haufen Asche zusammenzufallenMartin Pütter

Am Bahnhof und in den Parkhäusern in Reading bot sich gestern Morgen ein trauriges Bild. "Come home, Daddy - I love you. Claire" (Komm heim, Vati - ich liebe Dich. Claire) hatte ein Mädchen auf ein Blatt Papier geschrieben und auf dem Bahnsteig am Bahnhof hinterlassen. Ähnliche Botschaften waren hinter die Scheibenwischer von Autos geklemmt worden, die zwei Tage und zwei Nächte lang unbenutzt geblieben waren. Die Wagen stehen in Parkhäusern, die von Pendlern benutzt werden und Nachts normalerweise leer stehen - doch die Parkhauswächter hatten keine Strafzettel ausgeteilt. Ihnen war rasch klar geworden, dass die meisten dieser Autos wohl so schnell nicht mehr abgeholt würden.

Die Kleinstadt sechzig Kilometer westlich von London ist in Trauer, das zeigten nicht nur die Bilder in den Parkhäusern. Die Kirchen boten Hilfe an, um die Angehörigen der Opfer des Zugunglücks vom Dienstag zu trösten. Denn es stellte sich heraus, dass die meisten Toten aus Reading oder der näheren Umgebung stammen. Sie hatten am Dienstag Morgen auf dem Weg zur Arbeit in London den Zug bestiegen, der eine knappe halbe Stunde später mit einem aus dem Bahnhof Paddington kommenden Regionalzug zusammenstieß und in Flammen aufging.

Aufgrund der Flammen wird man wohl nie erfahren, wieviele Menschen bei diesem schweren Unglück ums Leben gekommen sind. Das Feuer, das unmittelbar nach dem Zusammenstoß ausbrach, erreichte Temperaturen von 1000 Grad Celsius - "das war wie ein Krematorium", sagte ein Rettungsarbeiter in einem Interview mit dem Kabelsender Sky News. Diese Flammen sind auch mit ein Grund dafür, warum die Such- und Aufräumarbeiten, die gestern noch andauerten, besondere Maßnahmen erforderten.

Die Rettungskräfte konzentrierten sich dabei vor allem auf den Wagen H, der direkt hinter der Lokomotive des Intercity-Zuges war. Es wird angenommen, dass in und unter diesem Wagen des Erstklass-Abteils die meisten Spuren von Opfern zu finden sind. Doch um zu vermeiden, dass Wagen H, der am schwersten beschädigt worden war, in einen großen Haufen Asche zusammenfällt, mussten Spezialkräne heran gebracht werden. Von außerhalb der Gleisanlagen kommen die Hebelärme der Kräne aber nicht an die Unglücksstelle heran - also mussten zwischen die Gleise provisorische Straßen gelegt werden.

Eine der wichtigsten Eisenbahnadern ist damit unbrauchbar, denn mindestens bis kommenden Montag können keine Züge von und nach Paddington fahren. Damit stieg das Verkehrschaos in London in den vergangenen Tagen noch an, aber dagegen wird nur wenig unternommen. Letzteres gilt auch für die Verbesserung der Sicherheit der Züge. Die Eisenbahngesellschaften erklärten gestern, dass sie keinen Grund sehen, ein Sicherheitssystem wie in Deutschland einzuführen, mit dem Züge beim Überfahren eines roten Signals automatisch angehalten werden. Demnächst würden andere Systeme installiert, die fast genau so gut seien (und weniger kosten). Doch es sieht ganz danach aus, als würde der stellvertretende Premierminister John Prescott, der auch für den Verkehr zuständig ist, sie zur Einführung von Sicherheitssystemen vergleichbar mit denen in Deutschland zwingen.
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