Welt : Der Nächste, bitte

In einem Jahr könnte wieder ein Bär den Weg nach Deutschland finden. Brunos Mutter lehrt gerade drei Junge das Jagen

Roland Knauer

„Braunbär Bruno wird nicht der Letzte seiner Art gewesen sein, der seine Schnauze über die deutsche Grenze gestreckt hat“, sind sich praktisch alle Naturschützer in Deutschland einig. Und: „Wir müssen uns dringend auf das nächste Großraubtier vorbereiten, das zu uns kommt!“ Genau diese Vorbereitung hat nämlich bei Bruno gefehlt, deshalb endete sein Leben so tragisch.

Ein Blick auf eine Landkarte der Umweltstiftung Euronatur in Radolfzell am Bodensee zeigt sofort: Deutschland ist von Bären beinahe eingekesselt. Im Osten leben in den Karpaten gleich einige Tausend Artgenossen von Bruno, in Russland und Sibirien gibt es ebenfalls sehr viele Bären. Natürlich muss es auch im Heimatland der finnischen Bärenjäger Beute für diese Männer geben, sonst wären sie ja arbeitslos. Auch in Schweden und Norwegen sind die Bären durchaus noch zugange. Allerdings werden weder aus dem Norden noch aus dem Osten demnächst Brunos Artgenossen nach Deutschland kommen, sie sind einfach zu weit weg. Auch die Bären in den Pyrenäen, in der spanischen Provinz Asturien und in den italienischen Abruzzen unweit von Rom dürften den Weg nach Deutschland kaum finden. Ein wenig anders sieht es dagegen bei den Bären auf den Balkan aus. Dort leben allein in Kroatien und Slowenien achthundert bis tausend Bären. Jedes Jahr ziehen dort weit mehr als hundert Bärinnen ihre Jungen groß. Ist der Nachwuchs aber erst einmal 18 Monate alt, sollte er von der Mutter genug gelernt haben, um sich alleine durchs Leben schlagen zu können. Da aber in ihrer Heimat eher Bärenüberbevölkerung herrscht, machen sich vor allem die jungen Männchen gern auf die Wanderschaft. Einer schaffte es 1972 sogar bis in die österreichischen Kalkalpen keine 150 Kilometer von Wien entfernt und blieb dort. Als der WWF in Wien dann um 1990 gleich drei Bären frei ließ, die das Einsiedlerleben des Einwanderers ein wenig auflockern sollten, gab es bald reichlich Bärennachwuchs. Heute tappen rund zehn Bären durch die österreichischen Kalkalpen, der eine oder andere könnte auch den Weg nach Deutschland schaffen. Allerdings stehen die Chancen dafür nicht gut, weil die jungen Bären fast alle verschwinden. Vermutlich fallen sie Wilderern zum Opfer, alle anderen Möglichkeiten kann der WWF in Wien weitgehend ausschließen.

Nicht viel besser geht es den Bären in Slowenien. Sobald sie ihre Schnauze aus den großzügigen Schutzgebieten herausstrecken, werden sie abgeschossen, berichtet Gabriel Schwaderer von Euronatur. Das entspricht zwar keineswegs den Naturschutzbestimmungen der Europäischen Union, verhindert aber recht effektiv, dass Bären nach Österreich und Bayern „nachrücken“. Bleibt ein weiteres Bärengebiet in Europa, aus dem auch Bruno nach Bayern kam: Der Brenta genannte Bergstock in der italienischen Provinz Trentino gleich im Süden der Dolomiten. Dort hatten die letzten Alpenbären überlebt, weitere zehn Bären aus Slowenien „spendeten“ italienische Naturschützer diesen Alten und seither vermehren sie sich hervorragend. Bereits der Bruder von Bruno hatte sich vergangenes Jahr auf den Weg gemacht und hatte es bis in die Schweiz geschafft, wo er spurlos wohl im Haus eines Wilderers verschwand. Drei kleinen Geschwistern von Bruno bringt die Mutter zur Zeit die Jagd und Obstsuche bei, sie könnten sich ab dem nächsten Frühsommer auf den Weg machen, weiß der Wildbiologe und Bärenexperte Wolfgang Schröder von der Technischen Universität in München.

Gemeinsam mit anderen Naturschützern fordert er, dass Deutschland sich auf sie besser vorbereiten müsse als auf Bruno. Wie hält man Raubtiere möglichst gut von Menschen fern, lautet die Frage, die bald beantwortet werden muss. Die Brentabären, erklärt Wolfgang Schröder, könnten bald wieder in Bayern anklopfen.

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