Welt : Der Nase nach

Studie: Deutsche nehmen mehr Kokain als erwartet – am Rhein für 1,6 Milliarden Euro im Jahr

Christian Helge Röfer

Die Deutschen haben die Nase voll und zwar voller als gedacht – mit Kokain. Darauf lässt zumindest eine Studie des Nürnberger Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) im Auftrag von „Spiegel Online“ schließen, die am Mittwoch veröffentlicht wurde. Elf Tonnen Kokain jährlich konsumieren danach allein die 38,5 Millionen Menschen, deren Abwässer der Rhein bei Düsseldorf enthält. Das ergebe sich aus der Menge an Koksrückständen, die der Fluss dort mit sich führe. Pro Tag schwimmen laut Studie an dieser Stelle Abbauprodukte von rund 30 Kilogramm Kokain für einen Straßenverkaufswert von 4,5 Millionen Euro vorbei, im Jahr also Stoff im Wert von 1,64 Milliarden Euro.

Kokain wird in „Lines“ geschnupft, eine Line besteht aus etwa 100 Milligramm gemischtem Stoff. „Von einer geschnupften Line nimmt der Körper rund 70 Prozent des Stoffs auf und baut davon etwa 95 Prozent ab. Also erreichen etwas weniger als 70 Milligramm den Urin und später die Kanalisation“, erklärt Fritz Sörgel, Leiter des IBMP. Dasselbe Institut hatte im Jahr 2000 auch die Kokainproben aus dem Bundestag ausgewertet. Zwei Wochen lang haben die Wissenschaftler des IBMP nun das Wasser der drei größten deutschen Flüsse untersucht, die das Abwasser von etwa 67,5 Millionen Menschen führen – der Donau, der Elbe und des Rheins. Mit speziell präparierten Geräten haben sie Kokain und Benzoylecgonin, den Stoff, den der Körper als Rückstand von Kokain ausscheidet, herausgefiltert.

Die Drogenexperten der Europäischen Union gehen davon aus, dass rund ein Prozent der EU-Bewohner regelmäßig Kokain konsumieren. Die Drogenbeauftragten von Bund und Ländern zweifeln die Seriosität der IBMP-Studie allerdings an – denn sie haben eigene Studien, und die stellen sie vorerst nicht in Frage. Nach ihren Berechnungen schnupfen etwa 0,8 Prozent der Deutschen Kokain, aber auch sechs Prozent der Berliner sollen schon mal Kokain probiert haben. In allen Berechnungen sind Menschen zwischen 18 und 59 Jahren mögliche Kokainkonsumenten, am Rhein oberhalb Düsseldorfs leben davon 23 Millionen. Nach den Ergebnissen der IBMP-Studie hieße das, dass 0,8 Prozent von ihnen, also 184000 Menschen, einen Kokain-Jahresverbrauch von elf Tonnen haben. Ein Kokser müsste so pro Tag über 160 Milligramm reines Kokain schnupfen.

Da der Stoff Kokain aber eine Mischung ist, kann eine Person diese Menge kaum erreichen. Daher ist die tatsächliche Zahl der Kokser in Deutschland wohl wesentlich größer. Sörgel geht gar von rund vier Prozent der Deutschen zwischen 18 und 59 Jahren aus. „Aber sogar ein zehnmal höherer Wert als in der Studie ist möglich, weil wir nicht wissen, wie viel in den Klärwerken schon herausgefiltert wird.“ Auf jeden Fall sei sicher, dass die Zahl der Kokain schnupfenden Deutschen höher liege als bisher angenommen.

Die höchste Konzentration im Städtevergleich wurde in München mit 17,2 Lines pro 1000 Einwohner gemessen, in Berlin war es gerade mal eine Line. Bemerkenswert findet das Wolfgang Götz von der Berliner Therapieeinrichtung Kokon. Denn: „Allein bei uns sind 5000 schwer Kokainabhängige gemeldet, für Berlin und das Umland gehe ich insgesamt von bis zu 500000 regelmäßigen Koksern aus“. Dass es keine genauen Zahlen über die tatsächlich Kokainabhängigen gibt, wundert Götz nicht: „Viele Kokser bewegen sich in Kreisen, wo man weiß, wie Veröffentlichungen zu verhindern sind.“

Eine Wasserprobe ist für Berlin aber nicht geplant. Der Grund ist laut Sörgel, dass die vielen Verzweigungen der hiesigen Gewässer eine Untersuchung erschweren. Und Wolfgang Bergfelder von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung meint nur: „Die Spree ist sauber, wir sehen keinen Anlass, sie testen zu lassen.“

Ähnliche Studien wie die des IBMP hatten zuletzt in Italien und England für Aufsehen gesorgt. Auch dort lagen die gemessenen Werte weit höher als erwartet. So waren aus dem norditalienischen Fluss Po pro Tag Rückstände von vier Kilogramm Kokain gefiltert worden, aus der Londoner Themse rund zwei Kilogramm.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben