Der Papst in Brasilien : Franziskus zu Fuß durch die Favela

Kälte, Stromausfall, Schlamm, Taschendiebe: Beim Papstbesuch in Brasilien geht es drunter und drüber. Franziskus scheint das indessen wenig auszumachen. Er ist so locker und herzlich, als hätte er sein ganzes Leben darauf gewartet, dieses Amt auszufüllen.

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Unbeeindruckt von Regen und Wind predigt der Papst in Rio.
Unbeeindruckt von Regen und Wind predigt der Papst in Rio.Foto: AFP

Everaldo Oliveira trippelt nervös mit den Füßen. Der Wagen des Papstes muss gleich in die Favela einbiegen, die Motorradeskorte ist schon zu sehen. Wird alles glatt gehen? Seit Mai hat Oliveira den Besuch des Oberhaupts der katholischen Kirche in seiner kleinen Gemeinde vorbereitet. Der Müll entlang der einzigen Straße des Orts wurde weggeräumt, und der Weg, den der Papst zu Fuß laufen will, neu asphaltiert. Die Stadt ließ neue Stromleitungen legen und beschnitt die wenigen Bäume in Varginha, einer Gemeinde am Rande des Favelakomplexes Manguinhos im Norden Rio de Janeiros.

Rund 1000 Familien wohnen hier in selbstgebauten, oft improvisierten Häusern auf einem Stück Land zwischen zwei stinkenden Wasserkanälen und dem ehemaligen Gazastreifen. So nannte man bis vor kurzem eine Straße, auf der regelmäßig Schießereien zwischen der Polizei und einer Drogengang stattfanden. Seit eine Einheit von Rios Befriedungspolizei UPP in Manguinhos stationiert wurde, sind die Schießereien vorbei. „Gedealt wird trotzdem“, sagt Oliviera. „Heute ist aber etwas anderes wichtiger.“

Er meint vor allem die Frage, welches Haus der Papst betreten wird. Sechs katholische Familien hat Oliveira mit einer Kommission ausgesucht, eine davon soll der Papst besuchen. Doch welche? Das muss Franziskus spontan auf dem 150 Meter langen Weg zwischen der kleinen Kirche am Ortseingang und dem Sportplatz in der Ortsmitte entscheiden.

Vor seinem Rio-Besuch hatte der Papst den ausdrücklichen Wunsch geäußert, eine Favela zu besuchen. Es entspricht seiner Haltung zu den Armen, die er ins Zentrum seines Redens und Wirkens gestellt hat. Warum sich der Papst von den fast 1000 Favelas in Rio aber Varginha herausgesucht hat, ist nicht ganz klar. Vielleicht weil Mutter Teresa in den 80er Jahren in Varginha war? Damals wohnten die Menschen noch in Häusern auf Stelzen im Sumpf, und Mutter Teresa konstatierte: So kann ein Mensch nicht leben.

Der Papst an der Copacabana
Franziskus zum Anfassen. Der Argentinier ist der erste Südamerikaner an der Spitze der Katholischen Kirche und wird als Papst der Armen gefeiert. Vor allem in Brasilien, wohin nun seine erste Auslandsreise führte.Weitere Bilder anzeigen
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26.07.2013 09:41Franziskus zum Anfassen. Der Argentinier ist der erste Südamerikaner an der Spitze der Katholischen Kirche und wird als Papst der...

Everaldo Oliveira meint, dass der Papst wegen der kleinen katholischen Kirche nach Varginha komme. Sie ist nach 42-jähriger Bauzeit in diesem Monat fertig geworden. „Wir haben sie einzig mit Geldern aus der Kollekte und Spenden finanziert“, kann er noch sagen, dann wird er weggezogen. Das Papamobil biegt um die Ecke des Gazastreifens. Im selben Moment öffnet der Himmel seine Schleusen. Wieder einmal.

So ist das seit Tagen, wenn der Papst irgendwo in Rio erscheint. Es gießt, ist kühl, windig und grau, die Wolken hängen tief. Unter normalen Umständen wäre das keine Zeile wert, so ist das eben manchmal im subtropischen Winter, doch jetzt hat der Dauerregen sogar den Ablauf des seit Monaten geplanten Weltjugendtags durcheinander gebracht. Nur dank der guten Laune der Pilger versinkt das Treffen nicht im Chaos.

Kurzerhand hat das Rathaus die für Sonntag geplante riesige Abschlussmesse verlegt. Statt auf dem 50 Kilometer vor der Stadt gelegenen „Glaubensfeld“ bei Guaratiba soll sie nun am Strand der Copacabana stattfinden. Der ursprünglich vorgesehene Platz gleicht nämlich einem Schlammloch, und den zwei Millionen erwarteten Pilgern wollte man dann doch kein katholisches Woodstock zumuten.

Dabei hatten Kritiker genau vor dieser Situation gewarnt, der Bürgermeister und der Gouverneur von Rio de Janeiro aber hielten an ihren Plänen fest. Munter hatten sie bei Guaratiba fällen, roden und planieren lassen sowie die Errichtung einer 75 Meter langen Bühne samt 32 LED-Großbildschirmen und 52 Soundtürmen vorangetrieben. Ihr Starrsinn mag auch damit zu tun gehabt haben, dass einer der Besitzer der zwei Millionen Quadratmeter großen Fläche einer der mächtigsten Transportunternehmer Rio de Janeiros ist und fest zum Filz der Stadt gehört.

Es war nicht die einzige Panne bei diesem Papstbesuch. Erst verfuhr sich der Fahrer des päpstlichen Kleinwagens auf dem Weg vom Flughafen ins Zentrum und manövrierte den Pontifex in eine Menge begeisterter Pilger, die es sich nicht nehmen ließen, den überraschten Franziskus durchs offene Wagenfenster anzufassen. Wenige Stunden später wollte Rios Gouverneur Sérgio Cabral dann offenbar beweisen, dass sein Sicherheitsapparat doch funktioniert und schickte die Militärpolizei gegen Demonstranten los, die dem Papst vor dem Gouverneurspalast zuriefen: „Franziskus, du bist bei den Falschen!“

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