Welt : Der private Kaiser

Franz Beckenbauer hat viele öffentliche Rollen – nun beleuchtet ein Buch sein Familienleben

Robert Ide

Als Franz Beckenbauer sich nicht mehr zu helfen weiß, zieht er seinem Gegenüber an der Hose. Rainhard Libuda, der Publikumsliebling des FC Schalke 04, kann mit dem Ball nicht weiter über den Rasen schweifen, er stürzt zu Boden; das Publikum ist empört. Fortan ist Beckenbauer, der filigrane Regisseur des FC Bayern München, der Buhmann des DFB-Pokalfinales am 16. Juni 1969. Aber der Fußballer lässt sich nicht einschüchtern, er inszeniert eine Szene, die der Tagesspiegel damals folgendermaßen dokumentierte: „Statt sich schuldbewusst zu ducken, nahm Franz den Ball genau in jener Ecke, wo das Geschrei am vernichtendsten klang, und jonglierte ihn von einem Fuß auf den anderen, auf den Kopf und wieder auf den Fuß. Beckenbauer führte seine Privatvorstellung etwa 40 Sekunden lang fort und schob dann den Ball zur Seite wie einen leeren Suppenteller. Schalker und Bayern und 64 000 Zuschauer starrten wie gelähmt auf Beckenbauer. Er demütigte den Gegner und dessen Anhänger, hielt Zwiesprache mit dem Volk, selbstbewusst, herausfordernd und vernichtend zugleich.“

Wie viele Superlative werden Franz Beckenbauer gerecht? Natürlich ist er ein Fußballstar erster Güte, gewandt auf dem grünen Feld und in der weiten Welt; eine Ikone männlicher Gelassenheit, geliebt von der Werbung und den Medien; ein Repräsentant des neuen Deutschlands, der die Weltmeisterschaft 2006 organisiert und bald zum Chef des Europäischen Fußballverbandes Uefa aufsteigen wird; ein Frauenheld, ein Plapperer, der Schwiegersohn, der Papa – so glauben wir Franz Beckenbauer zu kennen. Aber er irritiert uns: „Ich möchte wissen, wer ich wirklich bin.“ Verliert sich da einer in seinen Rollen?

Kaiser wird er von der Öffentlichkeit gerufen – nach seiner Soloaufführung im Pokalfinale 1969 wird das Wort zum ersten Mal für ihn geformt. Dieses und viele andere Details hat der Berliner Biograf Torsten Körner recherchiert, der Beckenbauers turbulente Lebensgeschichte in einem spannenden Buch nachzeichnet. „Der freie Mann“ heißt das 380 Seiten starke Porträt, das von heute an im Handel erhältlich ist (Scherz Verlag, 19,90 Euro) und das Beckenbauer von manch unbekannter Seite zeigt – zum Beispiel seiner verletzlichen.

Er war ein ballverrückter Junge aus München-Giesing, einem Stadtteil in dem Arbeiter wohnten, kinderreiche Mütter – und Postbeamte wie sein Vater. Franz Beckenbauer senior habe oft auf der Couch gelümmelt und auf die Spinnereien des Sports geschimpft, berichtet Körner. Der Biograf hat mit vielen Familienmitgliedern und Wegbegleitern von Franz Beckenbauer junior gesprochen, und er kommt zu folgendem Schluss: „Zu Hause nahm er die Autorität des Vaters nur widerwillig an. Zwar unterwarf er sich ihr, aber er floh sie, sobald er das Haus verließ. Das Körper- und Berufsbild des Vaters waren unattraktiv, auf und um den Fußballplatz herum fand er innigere Väter. Die waren auch streng, aber sie verstanden seine Leidenschaft.“ Wenn man heute den Sohn auf die Charaktereigenschaften seines Vaters anspricht, antwortet er: „Mein Vater war“ – kurze Pause – „ich glaube, er war immer korrekt gekleidet.“

Es gibt nicht wenige Risse im Leben von Franz Beckenbauer, einige davon macht das Buch sichtbar. Natürlich hält sich die Kritik des Porträtierenden im Rahmen – um sich Ärger und Prozesskosten zu sparen, zeigte er dem Porträtierten das Manuskript vorab. Dennoch, in der langen Reihe der Beckenbauer-Elogen nimmt Körners Buch einen besonderen Platz ein – schon deshalb, weil der Autor die Frage behandelt, ob dem öffentlichen Kaiser eine private Rolle bleibt.

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Er hat noch viele öffentliche Leben vor sich: als Spitzenfunktionär, als Botschafter des WM-Landes, als nimmermüder Autogrammschreiber. Franz Beckenbauer wird in vier Monaten 60 Jahre alt – dann wird die Nation wieder jenen Mann feiern, der dem deutschen Fußball seit Jahrzehnten internationale Erfolge und ein lächelndes Gesicht gibt. Manchmal versucht Beckenbauer, sich selbst aus dem eigenen Trubel zu nehmen. Dann geht er golfen oder kehrt im Biohotel „Stanglwirt“ in Kitzbühel ein. Vor jedem Heimspiel der Bayern lässt er sich mit der Limousine zu seiner Mutter nach Schwabing fahren. Antonie Beckenbauer bewirtet ihn in ihrer Küche. „Im Herzen ist der Franzi ein Bub aus Giesing geblieben.“ Da ist sich die Mama ganz sicher.

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