Welt : Der Reiz des Anonymen

Venedig ist dieser Tage voll mit reich ausstaffierten Karnevalsgästen – Besuch bei einer Kostümbildnerin.

Kirstin Hausen[Venedig]
Aufwendig verkleidete Besucher tummeln sich in diesen Tagen im Cafe Florian (o.) oder auf dem Markusplatz. In den Schneidereien der Stadt wird letzte Hand angelegt, bevor die Kostüme für den Ball anprobiert werden können.
Aufwendig verkleidete Besucher tummeln sich in diesen Tagen im Cafe Florian (o.) oder auf dem Markusplatz. In den Schneidereien...

Chiffon, Samt, Jacquard – auf einem langen Holztisch türmen sich Berge von Stoff. Dazwischen funkeln goldene Knöpfe, Strass, tropfenförmige Anhänger und Broschen. In den Ecken posieren Schaufensterpuppen in prächtigen Gewändern. Drei Nähmaschinen rattern wie im Akkord, aber Hektik ist nicht zu spüren. Im Gegenteil: die kleine Schneiderstube unter dem Dach eines antiken Palazzo im Stadtteil San Marco ist erfüllt von kindlicher Freude. Schneiderin Luisa legt unterschiedlich breite Samtbordüren an einen scharlachroten Umhang an, ihre Kollegin streift sich den gerade fertig genähten schwarzen Spitzenhandschuh über und lächelt verführerisch in den Wandspiegel. Antonia Sautter legt ihr eine Federboa um die Schultern und sucht kichernd nach dem passenden Kopfschmuck.

Eigentlich hat sie für solche Späße keine Zeit. Die Inhaberin der Kostümschneiderei und des Unternehmens AS Creations&Events müsste ihre Mitarbeiterinnen zur Eile antreiben, der Karneval naht. Dann steigen die Maskenbälle von ganz Venedig, wie der Ball des Dogen. „Das ist nicht nur ein Ball, das ist ein magischer Moment“, sagt Organisatorin Antonia Sautter, die früher einmal als persönliche Beraterin für Partyangelegenheiten eines saudischen Scheichs wirkte. Ihre guten Beziehungen zum internationalen Jetset machen sich heute bezahlt, zu ihren Ballgästen zählen Prinzessinnen aus Fernost, Modedesigner und Geldmagnaten sowie Hollywoodgrößen. Namen nennt sie nicht, die Anonymität sei ja gerade der Reiz ihres Balles. Und des Carnevale veneziano überhaupt, fügt die Tochter einer Venezianerin und eines Deutschen hinzu. Das Spiel mit der Anonymität, der Reiz des Geheimnisvollen – das ist der Geist des Karnevals von Venedig.

Unverzichtbar ist bei diesem Versteckspiel für Große die Maske. Kunstvolle Fantasiemasken sind heute am beliebtesten. Die Originalmasken des venezianischen Karnevals stammen dagegen aus der Commedia dell’ arte, einer Form der Volkskomödie, die im 16. Jahrhundert entstand. Ihre Hauptfiguren tragen Masken und sind immer die gleichen. Harlekin, der bauernschlaue Diener, seine Freundin Colombina, Pantalone und viele andere. Sie folgen einer festgelegten Dramaturgie, die aber auch Raum für Improvisation lässt. Daneben gibt es die traditionelle Bauta, eine schlichte, weiße Gesichtsmaske, zu der man einen schwarzen Umhang trägt.

Früher, als die Sitten noch strenger waren und die Frauen aus gutem Hause starren gesellschaftlichen Regeln unterworfen waren, bot der Karneval reichlich Gelegenheit, über die Stränge zu schlagen. Die aristokratischen Damen verkleideten sich und gingen inkognito auf den Maskenball. Dort tummelten sich aber auch gewitzte Küchenjungen und Kammerzofen, die die Gunst der Maske nutzten, um einmal mitzutanzen in der besseren Gesellschaft. Die Standesunterschiede verschwanden und die guten Sitten auch.

Das erotische Knistern ist auch heute noch Teil des Karnevals. Es ist ein lustvolles Spiel der Verführung. Und immer mit einem Augenzwinkern. Darum geht es auch auf dem Ball des Dogen, wo auf drei Etagen und in drei Preisklassen gefeiert wird. Zwischen 250 und 1600 Euro kostet der Eintritt, „Queenessence“ ist das diesjährige Motto. Eine Hommage an die Königin in jeder Frau und die weibliche Seite der Männer, erklärt Antonia Sautter, die für eine Nacht eine Traumwelt erschafft. Den Karneval erlebte die gebürtige Venezianerin bereits in ihrer Kindheit als eine magische Zeit der Verkleidungen: „Zusammen mit meiner Mutter schneiderte ich für mich und meine Freunde aufwendige Kostüme. Wir waren Kleopatra, Marco Polo oder der Sonnenkönig, und der Markusplatz wurde die Bühne für unsere Träume.“

Der Markusplatz. Er ist das Epizentrum, das Herz des Karnevals. 175 Meter ist er lang, 83 Meter breit und nur er darf sich Piazza nennen, die vielen anderen Plätze in Venedig heißen campi, also „Felder“. Sie waren früher nicht gepflastert. Die Piazza San Marco stammt aus dem 9. Jahrhundert, als vor einer Grabeskirche für die Gebeine des Heiligen Markus eine kleine Freifläche entstand. Mitte des 12. Jahrhunderts wurde der Markusplatz dann erheblich vergrößert, und als Kaiser Friedrich der Erste 1177 Venedig besuchte, war er bereits das repräsentative Zentrum der Stadtrepublik.

Mit dem Engelsflug wird die närrische Zeit hier eröffnet: ein international bekannter Gast, dessen Identität bis zum Schluss geheim gehalten wird, stürzt sich von der Spitze des Glockenturms, um an einem Seil über den Platz zu fliegen. Es regnet Konfetti und die Menschen jubeln. Das Spektakel geht zurück auf die Zeit der Seerepublik Venedig, der stolzen und unabhängigen Serenissima, und war ein Geschenk an den Dogen. Für Antonia Sautter ist der Engelsflug nicht nur der glamouröse Auftakt des Karnevals, sondern auch ein lieb gewonnenes Ritual. Jetzt gibt sie ihren Schneiderinnen noch letzte Anweisungen für die Kostüme der Bediensteten, denn auch sie tragen zur einzigartigen Stimmung bei. Dann macht sie sich auf den Weg in den Palazzo Pisani Moretta am Canal Grande, wo das große Fest steigen wird. In den Gassen, die in Venedig calli heißen, brodelt es vor Menschen. Antonia Sautter taucht in den Strom aus Masken ein, lässt sich von einem maskierten Edelmann die Hand küssen, dreht sich mit dem Kavalier in einem angedeuteten Tanz und verabschiedet sich mit Knicks.

Anderthalb Millionen Besucher treten sich in den zwei Karnevalswochen in Venedig auf die Füße. Auch das ist Tradition. Bereits im 18. Jahrhundert reisten feier- und abenteuerlustige Adlige in die Lagunenstadt, um sich im Trubel zu amüsieren. Und auch heute noch stecken in den prächtigsten Kostümen keine Einheimischen. Anders als früher braucht man aber heute kein blaues Blut mehr, um mitzumischen – allenfalls einen etwas dickeren Geldbeutel.

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