Welt : Der Ripper von Ipswich

Ein Serienmörder hat in kurzer Zeit fünf Prostituierte getötet – zwei von ihnen sogar direkt im Rücken der Fahnder

Matthias Thibaut[London]

Es sei ihr schon ein bisschen unbehaglich, in Autos einzusteigen, sagte die Prostituierte Paula Clennell am Wochenende zu einem TV-Reporter des Senders ITV. „Aber ich brauche das Geld“. Am Dienstagnachmittag wurde sie tot aufgefunden. Ein Spaziergänger fand die nackte Leiche in einem Feld bei Levington unweit von Ipswich, gerade als es anfing, dunkel zu werden. Die TV-Crews hatten Paula befragt, weil in den Tagen zuvor schon drei Prostituierte aus dem südostenglischen Städtchen beim Fußballplatz verschwanden und später tot aufgefunden wurden.

Angst ging unter den Frauen um, von denen viele heroinabhängig sind. Ja, sie habe schon ein paar schlimme Erfahrungen mit Freiern gemacht, hatte Paula vor ihrem Tod gesagt. Vierzig Minuten nach ihr wurde 150 Meter entfernt eine zweite Frauenleiche entdeckt.

Die fünfte Leiche in zehn Tagen, im Umkreis von weniger als 20 Kilometern. Alle waren nackt. Alle Leichen wurden an den Fundstellen nicht umgebracht, sondern nur abgelegt. Alle sind Prostituierte aus Ipswich. Eine so große Zahl von Gewaltverbrechen in so kurzer Zeit – das hatte die Polizei noch nie erlebt. „Verbrechen in Echtzeit“, sagte der Chefermittler der Suffolk Constabulary, Stewart Gull. Seine Hände zitterten, als er die Presse von dem neuerlichen Leichenfund unterrichtete.

Ein Wettlauf gegen die Zeit hat begonnen: Gull muss den – oder die – Täter finden, bevor es weitere Opfer gibt. Die Polizei bestätigte die Identität der zuletzt aufgefundenen Frauen nicht offiziell. Bis gestern Abend lagen ihre Leichen unter Regendächern dort, wo sie gefunden wurden „Ich weiß, manche werden das für unpassend halten. Aber wir müssen alle Möglichkeiten nutzen, am Tatort Spuren zu sichern“, erklärte Gull . Erst am Abend würden die Leichen zur Autopsie gebracht. Erst dann wisse man wirklich, ob es Mord war.

Aber Gull hat keine Zweifel, auch nicht an der Identität der jüngsten Opfer des „Ipswich Rippers“. Annette Nicholls, 29, von ihren Kolleginnen „Netty“ genant, eine Kosmetikerin, die drogensüchtig wurde und einen achtjährigen Sohn hat, wurde seit dem 4. Dezember vermisst. Paula Clennell, 24, stammte aus Nordostengland, hatte den Kontakt mit ihrem Vater Brian so gut wie abgebrochen und wurde am Samstagabend zum letzten Mal lebend gesehen. Brian war schockiert. Er wusste nicht, dass seine Tochter als Prostituierte arbeitet. „Sie hatte einfach nur die falschen Freunde. Aber sie war eine wunderbare Person.“, sagte er zu Reportern, die ihn ausfindig machten. Dann fügte er hinzu: „Paula, was immer passiert ist, dich trifft keine Schuld“.

Die Geschichten dieser Mädchen sind ähnlich: Alle wurden, oft ganz plötzlich, drogenabhängig und gingen auf den Strich, um Geld für Crack und Heroin zu beschaffen – ungeachtet aller Warnungen. Die schockierten Eltern können sich nicht erklären, warum ihre Kinder so endeten. Nachbarn hätten nie gedacht, dass die lebhafte 19-jährige Tania Nicol, ein weiteres Opfer, auf den Strich ging – nicht einmal ihre Mutter wusste es.

Sogar in den Bouvelardzeitungen spürt man nun die Sympathie für das Gewerbe und die Forderung, Bordelle in Großbritannien endlich zu legalisieren, um das Leben der Mädchen sicherer zu machen. Angst werde niemand davon abhalten, auf den gefährlichen Straßenstrich zu gehen, erklärt die Sprecherin des englischen Prostituiertenkollektivs, Carrie Mitchell, und erinnert an Großbritanniens berüchtigtsten Serienkiller, den „Yorkshire Ripper“. Peter Sutcliffe brachte zwischen 1975 und 1981 dreizehn Frauen um, sieben weitere entkamen seinen Attacken, teilweise schwer verletzt. „Damals gingen die Frauen von Bradford auch auf die Straße, weil sie weniger Angst hatten, ermordet zu werden, als kein Essen für ihre Kinder auf dem Tisch zu haben“.

Bürger von Ipswich denken nun angstvoll daran, dass keineswegs alle Opfer Sutcliffes Prostituierte waren. Unklar ist, ob die jungen Frauen entführt wurden oder ob sie freiwillig in das Auto des Täters einstiegen. Die Polizei ist sich nicht einmal sicher, ob es ein oder mehrere Täter sind. Könnte ein einzelner so dreist gewesen sein, während einer der größten Polizeifahndungen mitten im Fahndungsgebiet zwei Leichen im Freien abzulegen?

Gull weigert sich bisher sogar, die beiden jüngsten Morde dem gleichen Täter zuzuschreiben. „Wenn wir das tun, bevor wir absolut sicher sind, machen wir uns für später unendliche Probleme“, so Gull. Aber die Morde ähneln sich. Alle Opfer wurden ein paar Meter neben der A14 gefunden, einer großen Verbindungsstraße, die vom Hafen Felixstowe in die Midland Region führt. Chief Inspector Gull erhält nun Verstärkung aus benachbarten Grafschaften. Spezialisten aus London sind gekommen. Polizeipsychologen arbeiten jetzt an einem Profil des Täters.

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