Welt : Der russische Riese

Der „Körperwelten“-Macher Gunther von Hagens will angeblich den größten Mann der Welt plastinieren

Elke Windisch[Moskau]

Alexander Sisonenko ist arm wie eine Kirchenmaus, todkrank und kämpft jeden Tag den gleichen aussichtslosen Kampf gegen rasende Schmerzen. Physische wie psychische. Dem mit 2,48 Metern größten Mann der Welt soll der Leichenplastinator Gunther von Hagens eine Einmalzahlung und eine Rente angeboten haben für den Fall, dass er ihm seinen Riesenkörper nach dem Tode zwecks Plastination überlässt, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“. Sie beruft sich auf einen Vertragsentwurf, der ihr vorliegt. Vor 46 Jahren in einem Dorf in der Ukraine geboren, überragte der Riese Gleichaltrige schon in der ersten Klasse um Haupteslänge. Der Abstand vergrößerte sich zusehends, denn Alexander wuchs und wuchs. Ursache ist ein Tumor an der Hypophyse, die das Wachstum steuert.

Kinder fürchten sich vor ihm

Schon mit 15 landete er daher dort, wo Riesen noch am ehesten gebraucht werden. Beim Basketball. Den Korb, in 3,05 Meter Höhe aufgehängt, konnte er fast mit ausgestreckten Armen erreichen.

1985 verabschiedete sich die sowjetische Liga dennoch von ihm. Der Grund: wachsende Gesundheitsprobleme. Herz und Kreislauf waren hoffnungslos überfordert. Danach trat er noch dann und wann in Unterhaltungs-Shows auf und wurde in der tschechischen Verfilmung des „Tapferen Schneiderleins" für die Rolle des Riesen engagiert. Danach ließ das Medieninteresse an dem Mann nach. Sisonenko lebt in St. Petersburg, wo er versuchen muss, mit einer Rente von umgerechnet 35 Euro über den Monat zu kommen.

Keine Kleidung passt von der Stange. Sisonenko braucht Konfektionsgröße 76/78 und stolpert auf Riesenschuhen Größe 63 durchs Leben – eine Spezialanfertigung aus Westfalen. Auch das 2,60 Meter große Bett ist eine Spezialanfertigung made in Germany.

Aufstehen klappt nur mit in die Wand eingelassenen Haltegriffen. Dann, berichtete ein russisches Massenblatt schon 1998, müsse Sisonenko sich minutenlang Arme und Beine massieren, um die Blutzirkulation wieder in Gang zu setzen. Mit Händen, die doppelt so groß sind, wie bei Männern mit Normalmaß. Sein Sohn, der ebenfalls Alexander heißt und inzwischen ebenfalls schwer herzkrank ist, konnte als kleiner Junge bequem zwischen Papas Beinen aufrecht stehen. So jedenfalls schreibt der russische Reporter, der zudem befürchtete, Swetlana, seit 1987 Alexanders Ehefrau, müsse sich zum Küssen eine Leiter holen.

200 Kilo Gewicht stauchen die Wirbel zusammen und sorgen dazu permanent für rasende Schmerzen. Die Medikamente dagegen muss er seit dem Ende der Sowjetzeit aus eigener Tasche bezahlen. Auf die Straße wagt er sich nur noch selten. Zum einen, weil er nicht mehr ohne Stock auskommen kann.

Vor allem aber, weil sich die Kinder fürchten. Die meisten glauben, Werlioka, der ungeschlachte Riese, sei aus dem Märchenbuch gesprungen. Schreiend rennen sie weg. Jeder Tag, fürchtet Sisonenko, könnte für ihn der letzte sein.

Mit eben diesem Argument soll von Hagens laut „Süddeutscher Zeitung" auch versucht haben, ihn zu ködern. Wenn nicht er selbst, so würde doch sein präparierter Körper garantiert die nächsten 150 Jahre überstehen.

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