Welt : Der Samen aus der Thermosflasche

Wie der erste Internet-Spermien-Kurier „ManNotincluded.com“ lesbischen Paaren in England zum Kind verhilft

Matthias Thibaut[London]

John Gonzales, 40-jähriger Familienvater mit vier Kindern, der einmal im Londoner Finanzviertel arbeitete, war es leid, dass lesbische Frauen in der Fruchtbarkeitsklinik „immer ziemlich unsensibel“ behandelt werden. „Auch Lesben sollen Mütter werden können. Bürokratie und Vorurteile haben das viel zu lange verhindert“, fand er und gründete die erste Internet-Spermien-Vermittlungsagentur Europas speziell für lesbische Frauen. Offensichtlich eine Marktlücke. Allein in England soll es 250 000 lesbische Paare geben. Verspürten sie den Fortpflanzungsdrang, mussten sie gutmütige Bekannte um eine Samenlieferung anbetteln oder gar eine Anzeige in die Stadtzeitung einrücken. Damit ist jetzt Schluss.

Nun wird der milchige Lebenssaft per Internet geordert und vom Motorradkurier in der Thermosflasche geliefert. Bei „ManNotincluded.com" haben die Samenempfängerinnen die gewünschten Eigenschaften der Spender angeklickt. Haarfarbe, Größe, Hautfarbe. Als Extra für umgerechnet 350 Euro gibt es einen Bericht über Familiengeschichte und „Aspirationen" des Samenspenders. Doch immer wird strikte Anonymität zwischen Empfänger und Spender gewahrt. Das ist – nach der Sicherheit des gelieferten Produkts – das Wichtigste am Service. „Medizinischer Transport“ steht etwas großspurig auf der Jacke des Boten, der sich, wenn das Timing stimmt, in den besten Fruchtbarkeitstagen der Empfängerin meldet. Nur was sich dann im Schlafzimmer der Empfängerin mit der Handspritze abspielt, ist noch altertümliche Hausmedizin.

Besser, so emfiehlt „ManNotincluded“, nutzt frau die Dienste von Gonzales neuer Fruchtbarkeitsklinik in Londons Harley Street. Das „New Life Centre“, Europas erste Fruchtbarkeitsklinik, die sich auf lesbische oder allein stehende Frauen spezialisiert hat. Ganz so einfach ist die Insemination durch einen Spender eben doch nicht. Schon nach einer Stunde hat Sue, die das ganze einmal von der weiblichen Seite her ausprobiert, die etwas unwirsche Telefonistin hinter sich gebracht und spricht mit John Gonzales über die Details. Ohne Konsultation geht es nicht. Rechtliche Hürden müssen genommen werden. Jede Menge medizinische Tests sind nötig. Schließlich ist der Sinn eines solchen Profiservices, die Risiken der bisherigen Frauenselbsthilfe auszuschalten - medizinische und rechtliche. Da fällt natürlich auch einiges an Gebühren an. Umgerechnet mindestens 1250 Euro muss die lesbische Mutter rechnen – sofern es auf Anhieb klappt. Medizinische Risiken werden durch das bei Spermienbanken strenge „Screening“ ausgeschaltet. Keine Drogensüchtige, keine Strichjungen, keine HIV-Positiven, auch Schwule werden als Spender nicht akzeptiert. Sogar Männern mit hoher Promiskuität oder solchen, die Sex mit einer Frau hatten, die ihrerseits Sex mit einem bisexuellen Mann hatte, will man auf die Schliche kommen. Will frau ganz sicher sein, muss der Samen eingefroren und sechs Monate in „Quarantäne“ gehalten werden. Dann wird der Spender noch einmal auf HIV getestet. Aber für das Einfrieren von Samen zum Beispiel hat „ManNotincluded“ einstweilen keine Lizenz und muss die Dienste der Partnerfirma Cryobanks in Anspruch nehmen. Überhaupt bewegt sich das Unternehmen noch im rechtlichen Graubereich, da die Harley Street Klinik noch keine Lizenz von der britischen Aufsichtsbehörde „Human Fertilasation and Embryology Authority“ hat. Niemand kann eine Do-it-yourself-Befruchtung im Schlafzimmer verwehren. Aber für die Besamung in einer Klinik ist eine Lizenz erforderlich und das Gesetz schreibt zum Beispiel noch ganz altmodisch vor, die Wohlfahrt des aus der Befruchtung möglicherweise hervorgehenden Kindes „einschließlich des Bedürfnisses nach einem Vater“ in Betracht zu ziehen. Andererseits hat das britische Parlament eben erst dafür gestimmt, auch homosexuellen Paaren die gesetzliche Adoption zu erlauben – die eigene Familiengründung bei Lesben ist da nur ein logischer Schritt.

„Wenn ein Kind geliebt und versorgt wird, dann macht es nichts aus, ob es von zwei Frauen oder einem Mann und einer Frau großgezogen wird“, meint Gonzales. Noch kommt es aber immer wieder zu Gerichtsentscheidungen, bei denen die Existenz der Väter noch eine ganz altmodische Rolle spielt. In Schweden, wo jährlich schätzungsweise 2000 lesbische Frauen durch Spendersamen schwanger werden, wurde ein unglücklicher Spender zu Unterhaltzahlungen verurteilt, als sich das lesbische Paar nach zehnjährigem Zusammensein trennte.

Andersherum wurde in Glasgow ein Lesbenpaar gegen seinen Willen gezwungen, die Elternrechte des schwulen Samenspenders anzuerkennen, den es in einer Disco angeheuert hatte. Verabredungswidrig hatte er plötzlich Vatergefühle entwickelt. Das kann bei „ManNotincluded“ nicht passieren. Alle Unterlagen über Spender und Empfänger werden außerhalb der Reichweite der englischen Gerichte an ungenanntem Ort im Ausland aufbewahrt. Und deshalb lautet der Eintrag im Geburtsregister auch: Vater unbekannt.

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