Welt : Der Schatz der alten Chinesen

Im Meer vor Indonesien wird nach der Fracht eines gesunkenen Schiffes aus dem Mittelalter getaucht

Moritz Kleine-Brockhoff[Jakarta]

Zwischen den indonesischen Inseln Java und Borneo liegt ein Schatz im Meer. Er funkelt nicht. Braun und matt liegen die runden Keramikteile da, sie ragen wie festgewachsene Muscheln aus dem Meeresboden. Ein Wrack ist nicht auszumachen, nach vielen Jahrhunderten ist das Schiff zerfallen, das einst hier sank. Bislang kamen nur einzelne, pechschwarze Holzplanken zum Vorschein. Aber Jean Blancan ist sicher: „Es war ein sehr großes Schiff.“ Der Franzose ist Cheftaucher der Schatzsucher, die glauben, Spektakuläres gefunden zu haben: das Wrack eines Handelsschiffes aus dem 10. oder 11. Jahrhundert, voll gepackt mit Keramik aus China. Dazu Glas aus Arabien, Schmuck aus Indonesien und Zinn aus Malaysia. Angesichts dieser Fracht ist unklar, woher das Schiff kam und wohin es wollte. Silberbarren, Bronzestücke, Rubine, Saphire, Gold und Münzen haben die Taucher auch schon gefunden. „Aber leider nur wenige, sehr kleine Teile“, meint Jean etwas traurig.

Dennoch könnten die Funde auf eine weitere Schiffsschatz-Sensation deuten, wie sie Indonesien schon vor sechs Jahren erlebte. Damals war ein Wrack mit 60 000 gut erhaltenen Keramikteilen aus China entdeckt worden. Sie stammen aus der Tang-Dynastie (618 bis 907) und sind damit die ältesten Stücke, die je in asiatischen Gewässern gefunden wurden. 1999 wurden im Wrack der im 19. Jahrhundert gesunkenen „Tek Sing“ 350 000 gute Porzellanteile, ebenfalls aus China, gefunden. Die Taucher um Blancan glauben, bislang nicht einmal die Hälfte der Ladung geborgen zu haben. „Unser Fund ist größer als der Tang-Schatz und natürlich viel älter als der Tek-Sing-Schatz“, sagt Fred Dobberphul, ein Deutscher, der die Bergung leitet. „Wir rechnen mit 500 000 Teilen, 160 000 haben wir schon hochgeholt. Knapp 20 Prozent davon sind in Ordnung, der Rest ist kaputt. Am Ende dürften wir also rund 100 000 verwertbare Teile haben, hauptsächlich chinesische Keramik aus der Zeit der fünf Dynastien“, sagt Dobberphul. Er meint die Jahre 907 bis 960, als nach dem Sturz der Tang-Dynastie fünf verschiedene Machthaber das chinesische Reich kontrollierten.

Lagerstätte der Funde ist eine Reitanlage bei Jakarta. 25 000 Fundstücke sind schon hier. Sie müssen zwei Monate zum Entsalzen im Frischwasserbad bleiben, sonst könnte die Keramik in trockener Luft zerbrechen. In großen Wasserbecken stehen hunderte Plastikkörbe mit Reisschalen, Bechern, Vasen, Krügen, Gläsern, Silberbarren, Tellern und vielem mehr. Fast alles ist einfach und einfarbig – fast so, als sei vor tausend Jahren eine Art früher Ikea-Transport mit Massenware unterwegs gewesen. Stammen die Stücke tatsächlich aus der Zeit der fünf Dynastien, so sind sie extrem selten. Die Periode dauerte nur 53 Jahre, Funde sind rar. „Schmuck und Edelsteine, also kleine, wertvolle Teile, haben wir in einer Bank in ein Schließfach getan“, erzählt Dobberphul, „aber was hier im Stall liegt, ist auch nicht schlecht“. Er zeigt drei helle, schlanke Vasen: „Die bringen mindestens eine halbe Million US-Dollar pro Stück.“ Der Schatz sollte eigentlich im Februar 2006 beim Auktionshaus Christie’s in Amsterdam versteigert werden. Vom Erlös stünden dem Staat Indonesien und den Schatzsuchern je die Hälfte zu. Doch Anfang November stoppte Indonesien die Bergungsarbeiten, scheinbar hatten nicht alle Schatzsucher eine einwandfreie Arbeitserlaubnis. „Dass wir deshalb alle aufhören mussten, stinkt“, schimpft Dobberphul. Möglicherweise hat eine Konkurrenzfirma Freunde in der Bürokratie gefunden, die die Bergung nun behindern. Wegen der Hängepartie können die Schatzsucher derzeit nur Däumchen drehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar