Welt : Der Schnitt geht tiefer

Immer mehr junge Mädchen ritzen sich die Haut auf – wenn das Blut fließt, lässt für sie der Schmerz nach

Julia Rehder

Die Rasierklinge hatte sie in ihrem Tagebuch eingeschlossen. Sie gehörte genauso zu ihrem Leben wie die Sätze, die sie aufschrieb, wenn sie sich von der Welt nicht mehr verstanden fühlte. Doch mit der Zeit versuchte Anna Höck (Name von der Redaktion geändert) immer seltener, ihre Trauer und ihre Wut in Worte zu fassen. Meist verschaffte sie sich Erleichterung, indem sie sich Schnitte zufügte. An den Armen oder Beinen, manchmal auch am Bauch. „Erst, wenn das Blut floss, ließ der Schmerz nach“, erinnert sich die 18-Jährige heute.

So wie Anna ergeht es vielen Mädchen. Experten schätzen die Zahl der so genannten Ritzerinnen auf deutschlandweit mindestens 800 000. Da das Ritzen meist in Zusammenhang mit Essstörungen auftritt, kommen die Kinder zunächst mit diesen Krankheitsformen in Behandlung. Bulimie und Magersucht sind inzwischen vergleichsweise gesellschaftsfähig. Ihre Ess-Brech-Sucht zuzugeben, trauen sich die Mädchen eher. Dass sie auch noch ritzen, verschweigen sie lieber.

Bei den Jungen liegt die Zahl deutlich darunter. „Sie richten ihre Aggression mehr nach außen und nicht gegen sich selbst. Sie sind eher Täter, Mädchen eher Opfer“, erklärt Verhaltenstherapeutin Alexandra Hipfner-Sonntag aus Freiburg. Erst wenn Männer in Situationen sind, in denen sie das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren und nicht mehr selbstbestimmt handeln zu können, legen auch sie Hand an sich selbst. Damit lässt sich möglicherweise auch die hohe Zahl von männlichen Selbstverletzern in Gefängnissen erklären.

Ein Schrei nach Liebe

Geritzt wird nicht nur mit Rasierklingen. Auch mit Messern, Scherben oder Zirkeln. Einige machen es vorübergehend, um cool zu sein, von der Clique anerkannt zu werden. Bei anderen ist die Selbstaggression ein verzweifelter Schrei nach Liebe. Sie wollen Hilfe und Unterstützung und tun doch alles, damit niemand die Verletzungen bemerkt. „Im Schwimmbad trifft man diese Mädchen nicht“, erzählt Hipfner-Sonntag, die seit Jahren mit Jugendlichen arbeitet. Und wenn die Mädchen schon einen Freund haben, wissen sie genau, wie sie ritzen müssen, damit der Schnitt bis zum nächsten Date verheilt ist.

Es ist ein Teufelskreis aus Wut, Scham und Verzweiflung, der nur schwer zu durchbrechen ist. Die Gründe für dieses zwanghafte Verhalten liegen meist weit zurück. Für Anna waren die Eheprobleme der Eltern schwer zu verarbeiten, dann die Trennung, die finanziellen Sorgen der Mutter, und dass sie immer zu ihr kam, wenn sie Rat und Hilfe brauchte. Anna fühlte sich für ihre Mutter verantwortlich, dabei war sie doch das Kind, das es zu beschützen galt.

Oft spielt auch sexueller Missbrauch eine Rolle, wie Christoph Stößlein in seiner Arbeit als Kinder- und Jugendtherapeut erfahren hat. Aber auch Mädchen, die in der Pubertät eine lesbische Entwicklung durchmachen, können zu selbstverletzendem Verhalten tendieren. Vor allem, wenn sie sich dafür schämen, dass sie sich nicht wie alle anderen für Jungs interessieren, erklärt Stößlein. In der konkreten Situation ist es das Gefühl von Überforderung, das Gefühl, dem Druck nicht mehr standhalten zu können, das die Mädchen zu der Verzweiflungstat bewegt. Auch das Gefühl, sich selbst wieder zu spüren, spielt eine wichtige Rolle. Wie bei einer Sucht wird der Abstand von einem Ritzen zum nächsten immer kürzer und auch die Dosis, das heißt die Tiefe der Schnitte, wird von Mal zu Mal erhöht. Im Durchschnitt sind die Schnitte drei bis vier Zentimeter lang und einen halben Zentimeter tief. Manchmal werden auch Sehnen angeschnitten.

Stößlein sieht das Ritzen als suizidalen Akt und nimmt ihn als solchen ernst. „Die Mädchen schrecken auch vor einem Schnitt in die Pulsadern nicht zurück. Es ist immer sehr an der Grenze. Man weiß nie, wie tief sie das nächste Mal gehen“, gibt der Berliner Psychotherapeut zu bedenken. Wenn es zu tief geht, lebensgefährlich wird, sei es zwar in dem Sinne keine Absicht, die Mädchen handelten schließlich in Trance, sie können nicht anders. Sie wollen schon, dass ihr Leben weitergeht. Nur anders eben. Schöner. Sie wünschen sich nichts sehnlicher, als dass endlich jemand eingreift, ihre Ängste und Sorgen erhört, sich um sie kümmert. Sie haben nicht gelernt, mit ihren Problemen alleine fertig zu werden und das Leben anzunehmen, auch wenn nicht immer alles glatt läuft. Meist fühlen sie sich in ihrem Körper nicht wohl und schaffen es nicht, sich mit ihrer Weiblichkeit zu identifizieren.

Wenn Eltern merken, dass ihre Kinder ritzen, flippen sie oft aus. „Aus purer Hilflosigkeit“, weiß Hipfner-Sonntag. „Das rote Blut wirkt auf sie wie ein Signal.“ Doch stattdessen sollten sie ruhig bleiben und mit ihren Kindern reden, meint die Therapeutin. Für Eltern sei es auch wichtig, sich unabhängig von den Kindern zu informieren, bei Beratungsstellen Hilfe zu suchen, um adäquat reagieren zu können. Fragen wie „Was bringt dich dazu?“ oder „Wie kann ich dich im Alltag entlasten?“ seien hilfreicher als Schuldzuweisungen und Vorwürfe. Professionelle Hilfe zu suchen ist dann der nächste Schritt. Nur dazu müssten die Kinder schon selber bereit sein, sonst bringe es nichts. Anna war wegen Magersucht in stationärer Behandlung. Nach dem Klinikaufenthalt ging es ihr zunächst gut, dann bekam sie Heißhungerattacken mit anschließendem Erbrechen. Als ihre Mutter merkte, dass es ihrer Tochter wieder schlechter ging, holte sie sich bei Frau Hipfner-Sonntag Rat. Die 39-jährige Psychotherapeutin bestand darauf, dass Anna sie selbst anrief und einen Termin ausmachte. Anna fasste Mut, sie wollte zu gerne einen Weg finden, um nicht mehr Opfer ihrer eigenen Stimmungsschwankungen zu sein. Was folgte, war eine zweijährige Therapie. Inzwischen wohnt Anna in einer therapeutischen Wohngemeinschaft und fühlt sich angenommen. Die Rasierklinge hat sie vor ihrem Einzug in das neue Zuhause im Abfluss hinuntergespült.

Informationen für Betroffene und deren Angehörige unter www.selbstverletzung.com " target="new">http:// www.selbstverletzung.com . Literatur zum Thema: „Selbstverletzendes Verhalten“ von Ullrich Sachsse, Vandenhoeck und Ruprecht 2002 .

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