Welt : Der stille Engländer

Alistair Cooke ist tot – 58 Jahre lang berichtete er aus New York

Malte Lehming[Washington]

Engländer und Amerikaner sprechen eine Sprache, der die gleiche Grammatik zugrunde liegt. Und doch führen die Worte, diesseits und jenseits des Atlantiks, ein Eigenleben. Die Worte klingen nur gleich, was in ihnen mitschwingt, ist höchst unterschiedlich. Engländer und Amerikaner teilen zwar die Sprache, aber nicht die Welt. Mit einer Ausnahme: Alistair Cooke. Der Mann mit der sanften, prägnanten,leicht rauchigen Stimme bewegte sich in beiden Welten, vor und zurück, das Trennende hob er auf. Auf Englisch und Amerikanisch konnte er fühlen und denken.

Das tat Cooke für ein Millionenpublikum, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Seine viertelstündige Radiosendung hieß „Letter from America". Sie lief 58 Jahre lang auf BBC und wurde weltweit ausgestrahlt. Vor knapp sechs Wochen, am 20. Februar, ging die letzte, die 2869ste Folge, über den Äther. Darin plauderte der 95-jährige Mann, „gegen meine üblichen drei Kissen gelehnt“, über den Irak, Vater und Sohn Bush und den Präsidentschaftswahlkampf. Am Dienstag starb er in seinem Appartment an der Fifth Avenue in New York, wo er mehr als sechzig Jahre gelebt hatte. Eine Legende ist tot. In beiden Welten herrscht Trauer. Rastlos hatte Cooke über „das wahre Drama, Amerika selbst“, wie er es nannte, berichtet. In den knapp sechs Jahrzehnten seines Wirkens ließ er nur drei Folgen aus, mehrmals sendete er die Kolumne vom Krankenbett aus. Seine britischen Zuhörer dankten es ihm mit Treue. Für seine Verdienste um die gegenseitige Verständigung wurde er zum Ritter geschlagen. In den USA verehrte man ihn ebenfalls. Vier „Emmys“ wurden ihm verliehen. Im Jahre 1974, zum 200. Jubiläum des US-Kongresses, sprach er vor den versammelten Repräsentanten. Durch Cooke sahen die Amerikaner in einen Spiegel, der sie nicht verzerrte, sondern klüger machte über sich selbst. Elf Präsidenten hat Cooke erlebt, sein liebster war Franklin Roosevelt, für den intelligentesten hielt er Jimmy Carter. Im Juni 1968 war er zufällig im Hotel, wo Senator Robert Kennedy erschossen wurde. Sein erster „Letter from America“ wurde am 24. März 1946 ausgestrahlt. Darin erzählt er von einer Schiffsreise auf der „Queen Mary“ in Richtung USA, an Bord befanden sich überwiegend junge amerikanische Soldaten, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa geheiratet hatten. Als Cooke vor wenigen Wochen aus Krankheitsgründen aufhörte, hatte er 717 Stunden Zeitgeschichte vorgetragen. Was Kontinuität betrifft, hält er alle Radiorekorde. Zum Schluss war die Arbeit mühsam geworden. Montags entschloss sich Cooke für ein Thema. Dienstags tippte er auf seiner mechanischen Schreibmaschine die ersten zweieinhalb Seiten. „Mehr erlaubte meine Arthritis nicht.“ Mittwochs tippte er den Rest, dann kürzte er radikal. „Alle abgedroschenen Adjektive raus.“ Am Donnerstag wurde die Sendung aufgezeichnet, einen Tag später ausgestrahlt. Bis ins 58. Jahr.

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