Welt : Der Stör-Faktor

Die größte Kaviar-Zuchtfabrik der Welt steht jetzt in Mecklenburg-Vorpommern

Kerstin Decker[Demmin]

Seit einem Jahr sieht man in Demmin manchmal merkwürdige Leute, denen man gar nicht zutraut, dass sie wissen, wo Demmin überhaupt liegt. Vorgestern fuhren VIP-Busse über Neubrandenburg ins tiefste Mecklenburg-Vorpommern, an Demmins schöner großer alter Backsteinkirche vorbei und über die blaue Peenebrücke. Eine ganze Delegation aus Mexiko stieg aus und stand – mitten im mecklenburg-vorpommerschen Schlamm.

Vor sich sahen sie eine lange hellgraue Baracke, und sonst eigentlich nichts. In der Baracke sind 170 Wasserbecken, da sollen gleich Fische hineingesetzt werden, darum sind sie gekommen. Ebenso wie der Vertreter des amerikanischen Wirtschaftskonsulats. Noch nie hat ein Demminer einen anderen Demminer besucht, nur um dabei zu sein, wenn er einen Fisch ins Aquarium setzt.

Frank Schaefer sieht das anders. Frank Schaefer ist der Präsident der Caviar Creator Inc., Firmensitz Las Vegas, USA. Schaefer kann schon seit Jahren an nichts anderes mehr denken als an Fische und wenn jetzt gleich die ersten losschwimmen, dann, findet er, ist das eine Sensation. Denn die Baracke ist in Wirklichkeit die weltgrößte Aquakulturanlage, 30 Millionen Euro teuer. Und die Fische in den 170 Becken werden Störe sein.

Angefangen hatte alles mit Schaefers Schwiegermutter. Schaefers Schwiegermutter, eine Russin, machte kürzlich eine Kaviar-Diät. Das muss ungefähr zu der Zeit gewesen sein, als man Schaefer ein etwas marodes Fischbecken in Deutschland anbot, in dem bis eben Goldbarsche wohnten, deren Besitzer an ihnen Pleite gegangen ist. Goldbarsche!, sagt Schaefer und spült seine Verachtung für diese Fischart mit einem Glas Sekt hinunter. Oder Aal, noch so ein Wasser-Underdog. Aber was, wenn man nun statt Aalen und Barschen Störe züchtet? Und dabei Berge von Kaviar erntet?

Im 19. Jahrhundert gab es noch in fast allen europäischen Flüssen Störe, aber dann in größeren Mengen nur noch im Kaspischen Meer. Und wenn die Störe zum Laichen aus dem Meer in die Flüsse zogen, lauerten ihnen die Fischer auf und schnitten ihnen die Bäuche auf. Inzwischen sind die Störbestände im Kaspischen Meer dramatisch zurückgegangen; Experten glauben, dass er in freier Meer- oder Flussbahn bald ausstirbt.

Anfangs haben viele gelacht über Schaefers Stör-Zucht-Idee, und die Tierschützer sind auch böse, weil sie für die unbeschränkte Reisefreiheit des Störs eintreten. Schließlich ist der Stör, eines der ältesten Lebewesen der Erde, schon seit 250 Millionen Jahren frei. Bis Frank Schaefer kam.

Immer mehr Herren in schwarzen Anzügen treten aus dem original Demminer Schlamm ins Festzelt. Das sind die Aktionäre, größere und kleinere. Ein Vorort-Stuttgarter hält ängstlich die Demminer Lokalzeitung hoch. Darin steht, dass Caviar Creator gerade verklagt wird. Wegen Kapitalanlagenbetrugs. Kann man nicht einmal Glück haben mit seiner Aktie?, fragt der Stuttgarter Kleinaktionär. Früher, sagt der Stuttgarter, mussten die Tiere geschlachtet werden, um an die Fischeier zu kommen, heute können sie einfach abgestrichen werden. Das findet er gut. – Nein, die Bäuche werden wieder zugenäht, widerspricht eine Aktionärin. „Wenn unsere Störe sprechen könnten, sie würden sich bestimmt über diese Unterbringung in einem Fünf-Sterne-Ambiente bedanken“, sagt der Moderator auf der Caviar-Creator-Bühne. Der Stuttgarter lächelt befreit. Dann zieht die Festgesellschaft in langen Reihen in die 170-Becken-Luxus-Baracke.

Ein Fisch-Wirt hält kurz einen Stör hoch für die Kameras. So, und jetzt muss der Fisch mehr zu mir gucken!, fordert ein Fotograf. Der Stör schaut mit der Verachtung von 250 Millionen Jahren Lebenserfahrung zurück. Er sieht wirklich sehr urviehhaft aus. Dann schwimmt er wie die anderen ruhig und ganz dicht über der grünen Plastikplane. Richtige Seen sind unterhaltsamer. Und Sonne sieht er auch nicht in diesen Becken. Aber am Grund des Kaspischen Meeres scheint schließlich auch keine Sonne, und der Stör ist ein Grundschwimmer.

Zwanzig Demminer und Mecklenburger werden künftig – neue Arbeitsplätze! – auf die Störe aufpassen.

Kaviar verdirbt schnell. In nur zehn Minuten muss der Rogen aus dem Fischbauch in die Dose kommen. Kaviar-Ernte, nennt Schaefer das. Aber man kann die Bäuche doch nicht wieder zunähen, die Versuchs-Patientinnen haben nicht überlebt. Dafür, weiß Schaefer, kann man aus der Störhaut wunderbare Gürtel und Taschen machen. Und Stör-Kosmetik-Serien auflegen. Die Mienen der Anleger sind gelöst. Und das Fleisch schmeckt gut, so mild geräuchert. Auch hat der Stör keine Gräten. Mit dem Stör-Faktor aus Demmin wird man rechnen müssen. Noch in diesem Jahr sollen die ersten Tonnen Kaviar aus Demmin an die Nobelhotels der Welt verschickt werden. Vor allem nach Amerika.

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