Welt : Der Stress spielt die erste Geige

Ruth Franziska Hoffmann

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit, hat Karl Valentin einmal gesagt. Nach den neuesten Erkenntnissen des Orthopädischen Forschungsinstituts Münster (OFI) müsste er heute hinzufügen: ... und Rückenprobleme. Dass gestresste Manager mit Mitte 30 ihren ersten Bandscheibenvorfall haben, überarbeitete Sekretärinnen unter Nackenverspannungen leiden und Fernfahrer mit Haltungsschäden in Rente gehen, ist mittlerweile hinreichend bekannt. Berufstätigen sitzt der Alltagsstress im Nacken. Die Arbeit am Computer, das viele Sitzen und mangelnde Bewegung führt bei fast der Hälfte der arbeitenden Bevölkerung zu Schmerzen und bleibenden Schäden.

Doch die Volkskrankheit Rückenschmerz macht auch vor den Schönen Künsten nicht Halt: Unter Berufsmusikern leiden über zwei Drittel (70 Prozent) unter Wirbelsäulenerkrankungen. Das hat das OFI bei einer Studie mit 3000 Musikern aus 40 Orchestern herausgefunden. "Was Musiker leisten, ist durchaus vergleichbar mit den körperlichen Strapazen eines Hochleistungssportlers", sagt Physiotherapeut Joachim Wessing. "Nach fünf Stunden Wagner-Oper braucht ein Streicher beispielsweise zwei Tage, um sich zu regenerieren."

Davon weiß auch sein Patient Will Humburg ein Lied zu singen. Er ist Münsters Generalmusikdirektor und leitet das Symphonieorchester der Stadt. Das hat gerade eine ebenso erfolgreiche wie strapaziöse Zeit hinter sich: Zwei Mal hintereinander spielte es den kompletten "Ring des Nibelungen" von Richard Wagner. "Für ein kleines Orchester ist das eine enorme Leistung", lobt Humburg. Und sein Dramaturg Berthold Warnecke ergänzt: "Große Häuser machen das mit zwei Besetzungen, damit sich die Musiker zwischen Proben und Aufführungen auch mal ausruhen können."

So entstand die Idee, zusammen mit den Symphonikern Behandlungsmethoden zu entwickeln, die Musikern dabei helfen, mit den körperlichen Belastungen ihrer Arbeit besser fertig zu werden. Drei Monate lang werden 20 Streicher und Bläser orthopädisch und physiotherapeutisch betreut. Zunächst wurden sie gründlich durchgecheckt. Anhand der Ergebnisse erarbeiteten Wessing und Martin Friedrich Hein vom Orthopädischen Forschungsinstitut für jeden ein individuell zugeschnittenes Trainings- und Behandlungsprogramm.

"Berufsmusiker leiden sehr oft unter Bewegungseinschränkungen und Schmerzen in den Schultern und im Nacken", sagt Hein. Seit Anfang Oktober begeben sich die Freiwilligen nun zweimal die Woche für eine Stunde in die Hände des Physiotherapeuten. Der lindert mit Wärme, Massagen oder Spritzen akute Beschwerden und zeigt den Patienten, wie sie ihren Körper mit gezielten Übungen auf Dauer entlasten können.

"Durch die ständige einseitige Anspannung bestimmter Muskelgruppen sind bei vielen Musikern Disbalancen entstanden: Eine Seite des Körpers ist kräftiger als die andere. Auch das haben sie mit Sportlern gemeinsam", sagt Wessing. Medizinisches Ziel der Behandlung sei es, den Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen. "Wir wollen erreichen, dass sie lange Proben und Aufführungen besser durchhalten und sich hinterher schneller erholen."

Parallel dazu gaben die Musiker auf einem Fragebogen darüber Auskunft, wie sie sich seelisch und körperlich fühlen. "Die Erwartungen an die Mitglieder eines Orchesters sind sehr hoch; viele fühlen sich unter Druck", erläutert Wessing. "Wir zeigen ihnen, wie sie mit Laufen, Schwimmen oder Rad fahren den Stress abbauen können."

Im Orchester stieß das Projekt auf großes Interesse. "Einige wussten vorher gar nicht, dass sie gegen ihre Schmerzen etwas tun können - die dachten, das müsse so sein", erzählt Jürgen Tiedemann. Er spielt seit 32 Jahren bei den Symphonikern Geige und bemüht sich schon lange um Ausgleich für das stundenlange schiefe Sitzen. "Ist ja alles so asymmetrisch bei uns", sagt er. Auch seinen Schülern bringt er schonendere Spielhaltungen bei. "Ich habe das damals leider nicht gelernt. Bei Streichinstrumenten wird im Unterricht weniger auf die Körperhaltung geachtet. Bei den Flötisten ist das ganz anders - die arbeiten von Anfang an mit ihrem Körper, weil die Atmung eine so große Rolle spielt."

1500 Mark kostet die dreimonatige Behandlung. Die Musiker zahlen davon aber nur die Hälfte. Den Rest bestreitet Humburg aus dem Orchester-Budget. "Wenn der Krankenstand gesenkt wird, profitieren schließlich Arbeitgeber und Arbeitnehmer", sagt Orthopäde Hein.

Noch ist die Münsteraner Studie bundesweit einzigartig. "Erst ganz allmählich entsteht in Deutschland ein Bewusstsein dafür, wie stark Berufsmusiker von körperlichem Verschleiß betroffen sind", sagt Dramaturg Warnecke. Joachim Wessing will sich mit dem neunköpfigen Team seines Instituts für Manuelle Therapie auf lange Sicht ganz auf die Beschwerden von Musikern spezialisieren. "Das ist eine interessante Patientengruppe. Die sind hoch motiviert, an ihrem Körper zu arbeiten." Wenn sich das Konzept bewährt, will er es auch anderen Orchestern anbieten. "Das Echo ist jetzt schon sehr positiv. Die kennen die Probleme alle."

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