Welt : Der Termin des Terminators

Am Dienstag wählt Kalifornien einen neuen Gouverneur. Für Arnold Schwarzenegger werden es drei schwere Tage

Malte Lehming[Washington]

Es ist das Land von Silicon Valley und Hollywood. Hier werden Träume wahr und Trends begründet. Ob Hippie- oder Bodybuildingbewegung, Internet oder Biotechnologie, Gesundheitskost oder alternative Energie: In Kalifornien fängt alles an. Allein im vergangenen Jahrzehnt sind elf Millionen Einwanderer in den Westküstenstaat gezogen. Einwanderer werden in Amerika nach dem bewertet, was sie aus sich machen. Warum und woher sie kamen, ist zweitrangig. Einmal alles hinter sich lassen und ganz von vorne anfangen: Das ist ihr Traum.

Als Arnold Schwarzenegger vor 35 Jahren nach Los Angeles kam, hatte er nur ein paar Dollar in der Tasche und ein paar Muskeln zum Vorzeigen. Dann machte er Karriere, heiratete in den Kennedy-Clan ein, eroberte Hollywood, verdiente Millionen. Jetzt will er Gouverneur werden. Am Dienstag findet die Wahl statt. Kalifornien ist die sechstgrößte Wirtschaftsmacht auf Erden. Hier begann auch Ronald Reagan seine politische Laufbahn. Schwarzenegger führt in den Umfragen, obwohl seine Partei, die Republikaner, in Kalifornien nichts zu sagen hat.

Für die Demokraten geht es nicht zuletzt ums Prestige. Sie ziehen alle Register. Wenige Tage vor der Entscheidung wird Schwarzenegger daher von einem Skandal in den nächsten gestürzt. Die Vorwürfe reichen von notorischer sexueller Belästigung bis zur Verehrung von Adolf Hitler. Das ist doppelt raffiniert: In Kalifornien hat die „political correctness" ihre Hochburg.

Verpufft

Die „Rufmord-Kampagne“, wie Schwarzeneggers Anhänger die Enthüllungen nennen, begann am Donnerstag. Die „Los Angeles Times" veröffentlichte ein Dossier, in dem sechs Frauen, vier davon anonym, den Filmstar beschuldigten, sie in den Jahren 1975 bis 2000 sexuell belästigt zu haben. Die Zeitung behauptet, die Geschichte sieben Wochen lang recherchiert zu haben. Jeder Fall wird minutiös rekonstruiert. Einen Tag später veröffentlichte die „New York Times" eine Geschichte mit der Überschrift „Schwarzenegger Admired Hitler, Book Proposal Says". Die darin erhobenen Vorwürfe sind nicht minder brisant. In Interviews während der Filmaufnahmen zu „Pumping Iron" – jener Dokumentarstreifen, durch den Schwarzenegger 1977 berühmt wurde – soll der Schauspieler auf die Frage, wen er am meisten bewundere, geantwortet haben: „Ich bewunderte zum Beispiel Hitler, weil er es als Mann aus kleinen Verhältnissen und ohne Ausbildung an die Spitze der Macht gelangt war. Und ich bewundere ihn dafür, ein so guter öffentlicher Redner gewesen zu sein." Diese Zitate seien in einem unveröffentlichten Buchmanuskript enthalten, schreibt die Zeitung. Dessen Autor, George Butler, will Schwarzenegger auch dabei beobachtet haben, wie er Marschlieder der Nazis abspielte und seine Hacken dabei zusammenschlug wie ein SS-Offizier.

Ist der schillernde Gouverneurskandidat ein übler Busengrabscher und klammheimlicher Nazi? Unter normalen Umständen würden derartige Anschuldigungen wohl jeden Politiker in Kalifornien erledigen. Im Fall Schwarzenegger jeedoch ist das nicht sicher. Dass der Filmstar einst ein Lotterleben geführt hat, wissen die Kalifornier. Viel auszumachen, scheint es ihnen nicht. Durch diverse Interviews ist bekannt, dass Schwarzenegger Marihuana geraucht, Anabolika genommen und Gruppensex praktiziert hat. Frank und frei hat er sich über die Penisgröße von Bodybuildern ebenso geäußert wie über andere intime Dinge. Im März 2001 erschien das Magazin „Premiere" mit einer Titelgeschichte, die „Arnold the Barbarian" hieß. Schon damals wurde der Schauspieler beschuldigt, Frauen sexuell belästigt zu haben. Anschließend meldeten sich viele Film-Kolleginnen von Schwarzenegger und nahmen den Muskelmann in Schutz.

Zur Entschärfung tragen auch die Auftritte seiner Ehefrau Maria Shriver bei. Sie stammt aus dem urdemokratischsten aller Häuser, dem Kennedy-Clan. Tapfer nimmt die Fernsehjournalistin ihren Mann in Schutz. Eine gewisse „wilde Vergangenheit" und „schlechtes Benehmen" räumt sie dem „Terminator" ein. Aber diese Zeiten seien längst vorbei. Heute sei er ein treusorgender Familienvater, der sich besonders intensiv mit erziehungspolitischen Fragen befasse. Schwarzenegger selbst reagierte ähnlich: Er entschuldigte sich für Dinge, die er „spielerisch" gemeint habe, von denen er aber inzwischen begreife, dass sie andere Menschen beleidigt hätten. Kalifornische Frauenrechtlerinnen freilich haben solche Entschuldigungen nur noch stärker in Rage gebracht. „Er soll lernen, was der Unterschied zwischen Spiel und Belästigung ist", sagt eine von ihnen.

Die Hitler-Episode wiederum ist am Sonnabend verpufft. Die „New York Times" selbst relativierte ihre Anschuldigungen. Denn im nächsten Satz des angeblich so empörenden Interviews sagte Schwarzenegger: „Ich bewunderte Hitler nicht für das, was er aus seinen Fähigkeiten machte und wofür er sie einsetzte." Und aus Österreich drang die Kunde, dass der junge Schwarzenegger im Alter von 17 Jahren eine Gruppe von Neo-Nazis verjagt haben soll. Das berichtet der achtzigjähige Jude Alfred Gerstl, der den jungen Arnold einst unter seine Fittiche genommen hatte.

Am Dienstag fällt die Entscheidung. Man rechnet mit einer der höchsten Wahlbeteiligungen in der kalifornischen Geschichte.

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