Welt : "Der Teufel": Auf den Pudel gekommen

Jörg Plath

Seit Gott tot ist, kränkelt der Teufel dahin. Seine Erscheinung ist selten geworden, sein Bild anrührend farblos, vom stechenden Geruch nichts mehr zu fürchten: Der Leibhaftige ist weitgehend entleibt, und er hat es sich nicht einmal selbst zuzuschreiben. Denn ohne Gegenspieler macht das ganze Spiel natürlich keinen Spaß mehr. Wo keine Tugend waltet, braucht es die Sünde nicht. Am besten wäre es für den müden Gesellen, er ginge einfach nach Hause, in die Hölle.

In solch einem Augenblick des Abschieds, wenn die Erinnerung nicht mehr peinigend, aber noch warm ist, treten die Hagiografen auf den Plan. Sie versüßen den Abschied und befestigen das selige Angedenken. Peter Stanford gehört zu ihnen und darf sich sogar der wiederholten Begegnung mit dem obskuren Objekt seiner Biografie rühmen.

Brüsk zugeknallte Türen

"Während der Arbeit an dem Buch", berichtet er, "gab es einige unerklärliche Irritationen, brüsk zugeknallte Türen, Anfälle von Lethargie, lauter Dinge, die mir vorher nie begegnet waren, so dass ich fast versucht war zu glauben, der Teufel selbst erhebe Einspruch".

Man denke sich: Irritationen! Zugeknallte Türen! Lethargie! Wenn die Taten des Versuchers so aussehen, dann ist er endgültig auf den Pudel gekommen. Nun handelt es sich zwar um einen älteren Herrn, und von einem seit mehr als 2000 Jahren Diensthabenden kann wohl nicht mehr erwartet werden, dass er seinen Biografen in alter Frische mit gleich allen Sieben Todsünden belegt, die ihm Papst Gregor erstmals im 6. Jahrhundert zuschrieb - als da wären Stolz, Neid, Zorn, Trägheit, Geiz, Völlerei und Unzucht. Aber hätte die Kraft nicht wenigstens für die eine oder andere Sünde gereicht, für die der Widrige in den Jahrhunderten davor verantwortlich gemacht wurde, unkeusche Gier etwa oder Neid?

Leider nicht. Der von den "Irischen Brüdern" in der katholischen Enklave um Liverpool erzogene Peter Stanford blieb gänzlich unversucht und legt eine Lebensbeschreibung vor, die voll guten Willens, einiger Sympathie und zuweilen gar voll der Liebe ist: eine christliche Biografie des Teufels. So weit ist es mit dem Herrn der Dunkelheit also schon gekommen.

Einst aber war Satan, auch Luzifer, Beelzebub oder Belial geheißen, voll schrecklicher Macht und schwarzer Herrlichkeit. In diesen Hinsichten vermochte es keiner seiner entfernten Verwandten in den antiken Kulturen mit ihm aufzunehmen. Als er zuerst auftrat, in der apokryphen Literatur in den Jahrhunderten vor und nach Christi Geburt, war der Teufel ein gefallener Engel.

Diese Entstehungsgeschichte bemäntelt mühsam, dass es mit dem Monismus des Christentums nicht allzu weit her war. Der Mensch sollte keinen Gott neben dem Einen haben, nur ein Teufel wurde ihm noch zugestanden. Dieses standesgemäß illegitime Kind der monistischen Auffassung war auserkoren, den Monismus zu stärken. Denn dass der Eine Gott die Menschen liebte, ihnen aber ohne erkennbaren Sinn auch Böses zufügte, war kein bezwingendes Argument für den Glauben an ihn. Himmlisch-höllische Arbeitsteilung machte da vieles einfacher: Mit dem Teufel, der in Gestalt der Schlange Eva den Apfel reicht, ließ sich die recht abstrakte Lehre von Sündenfall und Erbsünde trefflich illustrieren. Das Leben von Jesus Christus und seine Exorzismen zeigten zudem, dass das Reich Gottes im Kampf gegen den Teufel zu gewinnen war. Allfällige Ketzer konnten praktischerweise als Anhänger des "Erzhäretikers" denunziert werden, die Inquisition hatte in ihm ihren Hexenmeister, und zuvor gestaltete sich die Missionierung deutlich müheloser, weil den Heiden ein Verwandter ihrer bösen Geister angeboten werden konnte. Das Christentum wurde mit dem Beelzebub eingetrieben, und allen war geholfen, auch dem Teufel und seiner regen Dämonenschar.

Unter ihnen gab es keinesfalls nur schreckliche, sondern auch dämliche Exemplare. Papst Gregor berichtet in seinen Dialogen von einer Nonne, die der Todsünde der Völlerei verfallen war. Ihr begehrlicher Blick fiel im Klostergarten auf eine Salatstaude, und sie verschlang sie, ohne ein Kreuz darüber zu schlagen. Bald zeigte sich, dass sie einen Dämon verschlungen hatte, der sie quälte. Nach seiner Austreibung durch einen Heiligen beklagte sich der Dämon bitter: "Was habe ich denn getan? Ich saß ganz harmlos auf einem Salatblatt, als sie daherkam und mich auffraß."

Die offizielle Lehre zur Teufelsthematik veränderte sich nach dem 6. Jahrhundert kaum, doch das Bild des Versuchers ist erst im Hochmittelalter weitgehend vollendet: Der Teufel erscheint in der unkontrollierbaren, gefährlichen Natur, er tritt als Tier (als Hund, schwarze Katze oder Geier) oder in Menschengestalt mit einem Bocksfuß auf, trägt meist schwarze Kleidung, kann fliegen und macht Frauen als incubus geil, Männer aber als succubus zeugungsunfähig und lustlos. Der an Winden leidende Reformator Luther fügte diesen Bildern noch den Quälgeist seiner Gedärme hinzu, Dante fror ihn ein, Goethe präsentierte ihn als Reiseleiter, und Milton befördert ihn in "Paradise Lost" zum Werkzeug Gottes: ohne den Erbfeind hätte der Mensch keine Möglichkeit, seine Tugend zu zeigen. Der Teufel als die Bedingung menschlicher Freiheit.

Überraschenderweise ist es heute nicht nur Reverend Billy Graham, den es "schaudert", wenn er jemanden sagen hört, "er glaube nicht an den Teufel". Papst Johannes Paul II. soll 1982 eigenhändig eine junge Frau von einem Dämon befreit haben, und die katholische Kirche unterhält ein flächendeckendes Netz von Exorzisten, die den Diözesen zugeordnet sind. Stanford ist es gelungen, zu einigen Teufelsaustreibern vorzudringen; ein würdiger Herr im Vatikan rühmt sich, 50 000 Exorzismen durchgeführt zu haben.

Die Kirche hat ihn in den Klauen

Im Schoß der Kirche also ist der Teufel noch ganz schön lebendig. Dort hat ihn die Kirche fest in den Klauen, ebenso wie seinen Biographen. Denn Peter Stanford schreibt über weite Strecken eine Parallelkirchengeschichte, die nach den Funktionen des Teufels für das Christentum fragt. Dass sein Teufel, den Belegen nach, ein - wenn auch weitgereister - britischer Staatsbürger ist, mag noch hingehen; dass Stanford die Baruch-Apokalypse auslässt, notfalls auch. Dass er jedoch die bildende Kunst bis auf wenige Ausnahmen (Fra Angelico und Hieronymus Bosch) nicht behandelt, muss insbesondere für das frühe Christentum eine böse Unterlassungssünde genannt werden. Hier hatte Monsignore Teufel mit Sicherheit seinen Bocksfuß im Spiel.

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