Welt : Der Tod aus der Konservendose

THOMAS DE PADOVA

Vor 150 Jahren starb Sir John Franklin auf der Suche nach der Nordwestpassage / Archäologen beweisen: Expedition vergiftetVON THOMAS DE PADOVADie Einzelheiten von John Franklins letzter Fahrt hat sich das Polareis nie abtrotzen lassen.Unzählige Flotten haben sich schon wenige Jahre nach Aufbruch der seinerzeit größten und bestausgerüsteten Expedition zur Entdeckung der Nordwestpassage am 19.Mai 1845 auf die Suche nach dem verschollenen Admiral, seinen beiden Schiffen "Erebus" und "Terror" und der 129köpfigen Besatzung gemacht.Was sie fanden waren einzig die Grabhügel dreier zwischen Januar und April 1846 verstorbener Seemänner, ein paar seltsame Anhäufungen von Arm- und Beinknochen, die - ebenso wie die Aussagen einiger Eingeborener - auf Kannibalismus hindeuteten, und eine von Kapitän Francis Crozier diktierte Notiz: "Sir John Franklin starb am 11.Juni 1847.Bis zu diesem Datum waren bereits insgesamt 9 Offiziere und 15 Seeleute der Expedition verstorben". Was war geschehen? Hatte Franklin, der sein Leben lang an ein offenes Polarmeer geglaubt hatte, seine Mannschaft ins Verderben geführt? Waren britische Offiziere und Matrosen, erkrankt, ausgehungert oder halb erfroren, zu Kannibalen geworden? Nachfolgende Generationen haben das ungeklärte Schicksal John Franklins und seiner Mannschaft nie ohne einen Schauder des Entsetzens betrachten können.Auch unsere Generation hat dieser Schauder noch einmal befallen, als der kanadische Anthropologe Owen Beattie 140 Jahre nach der Katastrophe die drei Gräber damaliger Expeditionsmitglieder im arktischen Frost wiederentdeckte und die hervorragend konservierten Leichen exhuminierte. Beatties Fund auf der Beechey-Insel war nur bedingt "zufällig".Mehrfach war er ins ewige Eis aufgebrochen, um das Rätsel der toten Seeleute mit Hilfe moderner Forschungsmethoden zu lösen.Im Sommer 1984 schließlich hob er gemeinsam mit seinen Helfern den nur 40 Kilogramm schweren Leichnam des Seemanns John Torrington aus seinem Grab.138 Jahre hatten Torringtons halbgeöffnete Augen den arktischen Himmel nicht mehr gesehen.Und auch jetzt konnte der mit grauen Leinenhosen und einem blauweiß gestreiften Hemd bekleidete, völlig abgemagerte Seemann nichts mehr von der Tragik seines Schicksals erzählen.Auf Beattie wirkte er dennoch, "als sei er nur bewußtlos". Die Autopsie nahm unter den schwierigen Witterungsbedingungen mehr als vier Stunden in Anspruch.Die Brust wurde Y-förmig aufgeschnitten.Jedes Organ, so auch die rabenschwarzen Lungen Torringtons, mußte einzeln mit Wasser aufgetaut werden.Erst als Beattie genügend Gewebe-, Organ-, Knochen-, Fingernagel- und Haarproben für eine spätere Analyse durch Experten der Universität von Alberta entnommen hatte, wurde Torrington wieder angezogen und in sein eisiges Schlafgemach zurückgelegt. Die Analyse der Proben, die den drei Seemanns-Leichen nacheinander entnommen worden waren, war eindeutig: John Torrington, John Hartnell und William Braine hatten an Tuberkulose gelitten und waren an einer Lungenentzündung gestorben.Aber es war ein Gift, das sie zu leichten Opfern dieser Krankheiten hatte werden lassen: Blei.Zwanzigmal höher als der Normalwert oder noch weit mehr lag der Gehalt dieser heimtückischen Substanz bei den Seeleuten.Insbesondere die genauen Untersuchungen der Haare zeigten, daß die heimtückische Vergiftung erst auf der Reise eingetreten sein konnte. Zehn auf den Beechey-Inseln eingesammelte Konservendosen lieferten schließlich eine schlüssige Erklärung für das Rätsel: John Franklins Polarexpedition war geradezu verschwenderisch mit Proviant ausgestattet worden.Die Vorräte bestanden unter anderem aus: 61 987 Kilogramm Mehl, 16 749 Litern Schnaps, 909 Litern "Wein für die Kranken", 4287 Kilogramm Schokolade, 1069 Kilogramm Tee und fast 8000 Dosen mit eingekochtem Fleisch, Suppen und Gemüse.Den Auftrag für die Lieferung der Konserven hatte Stephan Goldner erst Anfang April 1845 erhalten.Bis zum 5.Mai, zwei Wochen vor Beginn der landesweit höchstbeachteten Expedition, hatte er den Vertrag erst zu einem Zehntel erfüllt, wie der Leiter des Victualling Yard in Deptford meldete.Eile bei der Produktion war angesagt. Die Konservendosen, fand Beattie heraus, waren mit einer Blei-Zinn-Lötmasse verschlossen, die Seitennähte einiger Dosen waren zudem unvollständig.Das Blei der Lötstellen mußte den Inhalt der Dosen verseucht haben, schloß er. Die Blechdose also, erst 1811 in England patentiert und für längere Reisen in entlegene Regionen von schier unschätzbarem Wert, hatte das Leben aller 130 Expeditionsteilnehmer mit großer Wahrscheinlichkeit ausgelöscht.Und als Jahrzehnte später das Verlöten auf der Innenseite der Dosen in England verboten wurde, waren John Franklin und seine Mannschaft von dem qualvollen Todeskampf, der von Appetitlosigkeit und Koliken bis hin zu völlig neurotischem Verhalten und der Lähmung der Gliedmaßen geführt haben mochte, bereits erlöst. Das Schicksal der Franklin-Expedition schildert in eindrucksvoller Weise das Buch "Der eisige Schlaf" von Owen Beattie und John Geiger (Piper, 19,90 Mark).Verwiesen sei auch auf Sten Nadolnys zuvor erschienener Franklin-Roman "Die Entdeckung der Langsamkeit" (Piper, 16,80 Mark).

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