Welt : Der Tod kam im Schlaf

Bei einem Brand in einem Gehörlosen-Internat im südrussischen Machatschkala starben 28 Kinder

Elke Windisch[Moskau]

Der kleine Körper hängt am Tropf, das Gesicht ist unter Mullbinden versteckt. Nur zwei große dunkle Äugen starren ängstlich in die Fernsehkamera. Alina kann nicht artikulieren, was in ihrem Kopf vorgeht: Die Achtjährige ist taubstumm und eines der Opfer des Brandes in einer Internatschule für Gehörlose in Machatschkala, der Hauptstadt der südrussischen Teilrepublik Dagestan. 132 Verletzte, zum Teil mit schweren Verbrennungen oder Kohledioxidvergiftungen und bisher mindestens 28 Tote forderte die Katastrophe. Die meisten davon sind zwischen zwei und sechs Jahre alt. Einziger „Trost“ für die fassungslosen Eltern: der Tod kam durch die starke Rauchgasentwicklung sehr schnell und lange, bevor ihre Kinder verbrannten.

In dem Internat sind zur Zeit 220 Kinder im Alter von bis zu 14 Jahren offiziell gemeldet. In der Unglücksnacht, so der Chef des Regionalparlaments, Muchu Alijew, seien jedoch nur 159 anwesend gewesen.

Angehörige der Kinder versammelten sich schon am frühen Morgen, als Lokalsender die Schreckensnachricht verbreiteten, vor den Trümmern des Internats, die gestern Mittag noch immer rauchten. Viele hoffen auf ein Wunder: Fehler in den Listen der Toten. Die meisten Leichen sind verkohlt und konnten bisher nicht eindeutig identifiziert werden.

Die Öffentlichkeit ist schockiert. Erst am Montag hatte sich in der nordostsibirischen Teilrepublik Jakutien eine ähnliche Katastrophe mit ähnlich schweren Folgen ereignet. In Sekunden brannte in der Siedlung Sydyl Bal eine Schule ab. In dem zweistöckigen Holzhaus brach Panik aus, die Flucht vor den Flammen erschwerten Metallgitter vor den Fenstern im Erdgeschoss, eine Vorsichtsmaßnahme, wie sie in Russland wegen ausufernder Kriminalität üblich ist. 21 Kinder im Alter von 12 -17 und ein Lehrer starben, zwölf weitere Kinder liegen mit schweren Verletzungen im Krankenhaus.

Sowohl in Jakutien als auch in Dagestan gehen die Ermittler von einem Kurzschluss als wahrscheinlichster Brandursache aus. Stümperhaft geflickte Stromleitungen sind auch sonst die Hauptursache für Brände. Jeder deutsche Elektromeister würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, sähe er das Patchwork-Puzzle seiner russischen Kollegen. Bei der Katastrophe in Machatschkala schlagen allerdings noch drei Besonderheiten schwer zu Buche. Mit schöner Regelmäßigkeit toben im April über der dagestanischen Küstenebene Sandstürme, die sich in den Wüsten Zentralasiens am jenseitigen Ufer der Kaspi-See bilden. Er riss am Mittwochabend Strommasten und Transformatorenhäuschen um, in mehreren Stadteilen musste der Strom abgeschaltet werden. Als es weit nach Mitternacht wieder Licht gab, seien die maroden Leitungen überlastet gewesen. So jedenfalls erste Ergebnisse der Regierungskommission zur Untersuchung des Unglücks.

Dazu kommt, dass der Nachtdienst in der Internatschule zunächst versuchte, die Flammen selbst und mit primitivsten Mitteln zu löschen. Die Feuerwehr wurde erst 19 Minuten nach Entdeckung des Brandes alarmiert. An Löschen, sagt einer der Brandmeister im hiesigen Staatsfernsehen, sei da nicht mehr zu denken gewesen. Seine Leute hätten nur noch versuchen können, „so viele Kinder wie möglich“ aus den Flammen zu retten.

Die aber schliefen – als der Brand ausbrach, war es kurz nach zwei Uhr nachts – einen tiefen Schlaf. Und wurden zudem erst vom Schein des Feuers geweckt. Gehörlose warnt das Knistern und Prasseln von Flammen nicht vor der heraufziehenden Gefahr. Viele sprangen daher aus den Fenstern, unter denen die Erzieherinnen versuchten, sie mit gespannten Laken aufzufangen. Russlands Duma ehrte die Opfer gestern mit einer Schweigeminute. Um so heftiger war die anschließende Diskussion. Linke und die demokratische Opposition forderten Sicherheitskontrollen in allen russischen Schulen und substanzielle Verbesserungen beim Brandschutz. In Russland, empörte sich die KP-Abgeordnete Tatjana Astrachankina, die den Rücktritt der Regierung forderte, seien in den letzten Tagen mehr Kinder verbrannt, als die USA Soldaten im Irak verloren hätten.

Putin sprach von einer „Tragödie", die alle Bürger Russlands wie eigenes Leid empfinden und sagte der dagestanischen Regierung jede erdenkliche Hilfe zu.

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